Eine traurige Frau senkt den Kopf. Bildquelle: Pixabay

Warum Scherben glitzern statt schneiden können

Heute geht meine Februar-Serie #noexcuses in seine letzte Runde. Meine Serie soll Dir Aufschluss darüber geben, wann es Menschen mit dem Warten und Zögern auf ihre Reiseträume gereicht hat und welche Schlüsselerlebnisse sie dazu bewogen haben, diese endlich zu leben und nicht nur davon zu erzählen. Denn uns allen ist klar: vom Lebenstraum bis zur bewussten Entscheidung und Umsetzung dauert es gern mal ein paar Jahre. Gesellschaftsdruck, vorgefertigte Lebensentwürfe und unsere deutsche Ohne Fleiß kein Preis – Kultur, die Arbeit glorifiziert und über alles andere stellt, machen es schwierig, einfach alles zu überhören und es einfach zu tun. Ungläubige Blicke und abwertende Kommentare, die die eigene Enttäuschung über ungelebte Lebensträume verschlüsseln sollen, sind wirklich jedem bekannt, der sich entscheidet, eine Weltreise, Langzeitreise oder Work and Travel zu machen. Wobei Work and Travel an und für sich noch die akzeptierteste Variante des Reisens ist, denn diese enthält Arbeit und nicht nur Unsinn. Wie wären die Reaktionen bloß, wenn es ums Aussteigen geht?! Vielleicht kann Dir ein Einblick in meine Lebensgeschichte verraten, welcher Schlüsselmoment mich aufgeweckt hat und wieso ich heute strikt mein Ding durchziehe – ganz egal, was andere denken. Nach den Interviews mit den Bloggern von Kommwirmachendaseinfach und Moving2Mex und dem Round-Up Post mit Weltreize und MSIWellTravel wird es nun Zeit für mich, endlich auszupacken. Und auch, wenn dieser Artikel nur an der Oberfläche meiner Lebensgeschichte kratzt, hat es mich sehr viel Überwindung gekostet, meine Geschichte zu teilen, denn sie ist ein gut gehütetes Geheimnis, welches im Verborgenen lauert.

Wer mich gut kennt der weiß, dass ich Dinge, die ich anfange, eisern durchziehe. Dass ich diszipliniert und ehrgeizig bin in jeglichen Lebenslagen – und dass ich mir alle Lebensträume erfülle, die ich habe. Stück für Stück, mit meinen eigenen bescheidenen Mitteln. Mehrmals im Jahr schaue ich meine seitenlange Bucketlist durch und setze fest, was ich erleben möchte. Danach mache ich mir einen Finanzplan, der mir dabei hilft, die Ziele zu erreichen, denn auch, wenn Reisen günstig ist, haben manche Ziele und Erlebnisse ihren Preis, zum Beispiel Tauchen auf den Galapagos-Inseln oder Fallschirmspringen. Habe ich den Finanzplan fertig, suche ich mir einen Job, spare und lebe minimalistisch. Ich gehe nie shoppen, benutze keine 100 Pflegeprodukte, koche selbst, nehme öffentliche Verkehrsmittel und bevorzuge Privatfeiern anstelle von teuren Clubs oder Pubs. Und dann erreiche ich mein Ziel und lebe meinen Traum. Für mich ist das inzwischen ein simples Erfolgsrezept, doch das war nicht immer so.

Allein unter Menschenmassen. Bildquelle: PixabayAllein und einsam unter Menschen und nicht dazugehörend: dieses Gefühl kenne ich seit dem Kindergarten.

Ein goldener Käfig zerbricht

Bis ich 14 Jahre alt war, wuchs ich als Einzelkind in Verhältnissen auf, die am ehesten mit überbehütet beschrieben werden können. Die Folgen waren simpel und klar: ich war schüchtern, unselbstständig und überhaupt nicht selbstbewusst. Ich konnte keine Kleinigkeit alleine erledigen, war ständig pleite, weil ich nicht mit Geld umgehen konnte und hatte durch meine schüchterne Art und weil ich immer aneckte kaum Freunde. Ich war das, was Menschen gerne Loser nennen und dazu auch noch wirklich unattraktiv – innerlich und äußerlich. Mit 15 wendete sich das Blatt schließlich, als eine private Tragödie meine Familie überschattete und sie vollends zerbrechen ließ. Von jetzt auf gleich musste ich erwachsen werden und mein Leben selbst in die Hand nehmen. Ich hatte keine Chance und niemanden mehr, der mir emotional unter die Arme greifen konnte. Ich stand von einen Tag auf den anderen ganz ohne Familienmitglieder da und war plötzlich für mich selbst verantwortlich.

Natürlich warf mich diese Tragödie so aus der Bahn, dass ich acht Jahre unter schweren Depressionen litt, die zahlreiche Nebenerscheinungen mit sich brachten, die mir das Leben zur Hölle machten und mich fast den Schulabschluss kosteten. Mein Abitur absolvierte ich schlussendlich nach einem langen Kampf und acht Prüfungen, die alle ohne Vorklausuren für die Abiturnote galten, mit 20 Jahren über eine Sonderschule, wo ich noch weniger Freunde hatte als auf der Schule zuvor, da es schon sehr schwierig ist, mit psychischen Erkrankungen und emotionaler Instabilität Freunde zu finden. Ganz im Gegenteil wurde ich dort noch gemobbt, weil alle Schüler*innen der Schule eine harte Vergangenheit hatten und die Schule das einzige Ventil war, um ihren Schmerz herauszulassen. Im Grunde genommen isolierte mich meine Krankheit von Menschen und ich verbrachte viele Jahre allein oder mit wechselnden Bekannten, von denen ich mir alles gefallen ließ. Während andere Leute in meinem Alter auf Partys gingen, sich nicht entscheiden konnten, welche Klamotten sie heute tragen und ihre ersten Liebesversuche wagten, war ich damit beschäftigt, meine psychischen Krankheiten zu erkennen, meine Selbstmordgedanken zu unterdrücken, die Schule zu meistern und nebenbei Geld zu verdienen, denn mittlerweile hatte ich gelernt, dass jeder Cent zählt. In mir wuchs der Wunsch, diesem Höllenzustand so schnell wie möglich zu entfliehen und endlich raus aus dem Haus zu sein, was für mich kein Zuhause mehr war.

Jacqui in Südafrika 2009,Trotz meines Schicksals habe ich bereits früh begonnen mit dem Kämpfen für meine Träume: 2009 war ich in Südafrika.

Den einzigen Halt in meiner Depression fand ich in der Gothic-Szene, aus der ich erst nach sechs Jahren erwuchs, als ich langsam aber sicher gesund wurde. Nach meinem Auszug mit 20 Jahren wurde mein Leben besser und ich konnte einen richtigen Strich unter die Vergangenheit ziehen. Ich schaffte es, mit einem atemberaubend schlechten Depressions-Abischnitt von 3,3 auf die Uni Potsdam, was mir nachweislich meine letzte seelische Gesundheit rettete, denn ohne das Studium wäre ich ganz sicher in Berlins Abgrund gelandet – und der ist bekanntlicherweise sehr tief. Mit meinem neuen Leben, was in meiner ersten WG und als Ersti mit Nebenjobs angenehm war, kamen leider auch die Dämonen meiner Vergangenheit zurück, die mich einholten. Zwar war ich auf dem Weg in die Gesundheit, doch stabil war ich noch lange nicht. Ständige Tiefs wurden mit Wochenendräuschen bis unter den guten Geschmack betäubt. Alkohol, Drogen, tagelange Partys und One-Night-Stands sollten mir das Leben zurückgeben, was ich in meinen Teenager-Jahren nicht hatte – natürlich immer in Maßen, denn ich hatte ja jetzt gelernt, dass ich ganz allein für mich verantwortlich war und mich ganz sicher niemand retten würde. Doch die Leere blieb.

Der Wendepunkt, der mich vollends aus dem Wachkoma holte

Da ich nicht nur von meinen Dämonen eingeholt, sondern oft auch mit falschen Freunden und emotionalen Vampiren zu tun hatte, holte mich meine Lebensrealität mit 22 Jahren wieder ein, als mein Ex-Freund, der ebenfalls aus der Gothic-Szene stammte, seinen ersten Selbstmordversuch in unserer damaligen WG unternahm, da er mit seiner psychischen Krankheit nicht mehr fertig wurde. Dieser war schlussendlich der Moment, der mich vollends aus dem Leben aufweckte, was ich gern vegetierendes Wachkoma nannte. Zuvor hatte ich schon den dringenden Wunsch, meine verpassten Lebensträume zwischen 15 und 20 Jahren nachzuholen, da ich aufgrund meines neuen Status als erwachsener Teenager keine Möglichkeiten hatte. Wenn ich andere Teenager in meinem Alter sah, die mit ihren Familien lachend Ausflüge machten, in Urlaub fuhren oder etwas geschenkt bekamen, musste ich heimlich weinen, während ich versuchte, die Löcher meiner zwei Hosen zu flicken und jeden Cent für ein Festival oder einen Kurztrip zu sparen. Ich wollte diesen Zustand nicht mehr. Ich wollte glücklich sein wie alle anderen, frei sein wie alle anderen und auf der Sonnenseite des Lebens stehen – wie alle anderen. Und auch, wenn ich bis ich 22 Jahre alt war wenig daran ändern konnte, kämpfte ich mich Stück für Stück aus dem Dreck und aus meinen Depressionen.

Durch den Selbstmordversuch meines Ex-Freundes wurde es mir auf einmal glasklar und haarscharf bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann und wie sehr ich Glück gehabt hatte, dass ich meine Krankheiten, die zu dieser Zeit fast genauso stark ausgeprägt waren wie bei meinem Ex, bis dahin noch im Griff hatte. Mir wurde klar, dass ich es aber auch hätte sein können, die das Jahr 2011 nicht mehr überlebt hätte. Und wieder kam in mir nur ein Wunsch auf: ich möchte leben! Ich möchte gesund werden! Ich möchte morgens aufwachen und mich über jede Kleinigkeit freuen! Ich möchte das Leben voll auskosten, es wieder fühlen, schmecken, riechen und mir all meine Lebensträume erfüllen, solange ich noch kann. Denn wann es vorbei ist, das wissen wir alle nicht. Und wenn es schon morgen wäre, wäre ich zuletzt als Kind glücklich gewesen und dann nicht mehr. Ich wollte das nicht. Ich wollte leben, nicht nur Pflichten erfüllen, Termine wahrnehmen und arbeiten gehen, weil wir das so müssen. Und das nach Jahren der Entbehrung? Ohne mich!

So will ich mein Leben leben: Träume Wirklichkeit werden lassen und die Welt sehen!

Ich suchte mir schließlich eine Therapeutin, die es schaffte, aus mir in nur vier Jahren einen fast kerngesunden Menschen zu machen. Ich analysierte mein Verhalten besser und besser, kam wieder auf die Beine und machte einen Rundumschlag in meinem Freundeskreis: alle toxischen Beziehungen wurden beendet und ich legte den Fokus ganz auf meine Heilung. Ich zog in meine erste Singlewohnung, um ganz für mich zu sein und gesund zu werden, was mir nach und nach auch gelang. Im Frühling 2012 wachte ich zum ersten Mal seit Sommer 2004 ohne Depressionen auf und bei einem Blick in die Sonne, die den Berliner Fernsehturm wie eine Diskokugel erstrahlen ließ, war mir klar, dass ich endlich depressionsfrei war. Für mich ist der Frühling 2012 wie ein zweiter Geburtstag und das Leben ohne Depressionen, was bereits sechs Jahre alt ist, kommt mir immer noch vor wie ein Traum. Ich bin so unendlich dankbar dafür, dass ich es da herausgeschafft habe, denn Depressionen sind ein so gewaltiger Abgrund, dass es schwer ist, für immer zu entkommen.

Den Abgrund als Basis der Freude sehen

Je gesünder ich wurde, desto besser wurde meine Realität. Wo ich früher noch gut und gerne den Rauschzustand wählte, um mich von dem Schmerz zu betäuben, der jahrelang mein bester Freund gewesen war, hatte ich jetzt auf einmal Bock auf die Realität. Mit dem Studentenjob wuchsen meine Ersparnisse und auch wahre Freunde fanden den Weg in mein Leben. Die Beziehung mit meinem herrlich normalen Ex-Partner gaben mir schließlich den nötigen Halt und die nötige Liebe, die ich jahrelang zuvor vermisst und nicht bekommen hatte und langsam aber sicher normalisierte sich mein Leben. Mit meinem Studienabschluss mit 26 Jahren konnte ich schließlich sagen, dass alles gut ausgegangen ist. Seit 2015 lebe ich meinen größten Traum und bin auf Dauer-Weltreise. Ich habe mich seitdem noch viel mehr weiterentwickelt und es geschafft, einen weiteren Teil meiner Dämonen zu bekämpfen, die immer seltener an die Oberfläche geraten. Die Tatsache, dass ich meinen größten Traum lebe, beflügelt mich so sehr, dass meine Gesundheit noch einmal einen riesigen Schritt in den Himmel gemacht hat. Und heute, mit 28 Jahren, blicke ich auf mein Leben zurück wie auf einen Kinofilm und wundere mich über die vielen verschiedenen Stationen, die für ein Leben eigentlich schon zu viel sind. Viele Menschen, die mich heute kennenlernen, können sich nicht vorstellen, wie krank, traurig, aggressiv und überdreht ich früher war; und die wenigen Menschen, die mich seit 2004 kennen, können ab und an nicht fassen, dass ich heute ein ganz anderer Mensch bin.

Jacqui sitzt auf der chinesischen Mauer in Mutiyanu 2016.Der Weg nach China war genauso herausfordernd wie alles andere in meinem Leben: ich musste hart und lange dafür kämpfen!

Doch der ewige Kampf und der Blick in den Abgrund haben mir die Erkenntnis geschickt, dass ich nicht sterben will, bevor ich alle meine Lebensträume wirklich gelebt habe und in die Realität geholt habe. Ich war früher ein sehr überdrehter und nervtötender Mensch, wenn ich mich unter Menschen wohlgefühlt habe; denn meine Angst zu sterben, bevor ich das Leben erst so richtig gefühlt habe, war so stark, dass ich hyperaktiv wurde und weder stillsitzen noch die Klappe halten konnte. Meine innere Unruhe musste ich irgendwie kompensieren, bis ich vollends die Macht über mein Leben gewonnen hatte und mir sicher war, dass ich alles schaffen kann, was ich nur will. Und weil mein Leben eigentlich erst mit Anfang 20 begonnen und mit Mitte 20 zu blühen begann, wuchs in mir eine ungeheure Kraft heran, die es mir ermöglicht, all meine Träume zu erfüllen. Ich habe irgendwann bemerkt, dass niemand kommen wir und einen an die Hand nehmen wird, um unsere Träume der Reihe nach abzuhaken. Nur wir selbst können das tun.

Und weil mir das Schlimmste im Jugendalter schon passiert ist und ich zu lange im Abgrund war, ohne mir selbst helfen zu können, fühle ich mich für den Kampf gewappnet, der manchmal ausgefochten werden muss, um Träume zu erreichen. Doch mir ist kein Kampf zu hart, kein Weg zu weit, denn mein Leben ist für mich wertvoller als alles andere, weil ich zuvor keines hatte, was nicht aus Leid und Selbstmordgedanken bestand. War ich früher ein schwaches Wesen ohne Kraft mit unkontrollierbaren Emotionen, fühle ich mich heute wie ein Fels in der Brandung. Zwar werde ich immer ein Loch in mir haben, weil mir meine Teenagerjahre genommen wurden, doch finde ich auch Positives: hätte ich nicht so hart kämpfen und mit 15 Jahren erwachsen werden müssen, dann wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Und deswegen gibt es diese Serie: Ausreden gibt es für mich einfach nicht.

Jacqui vor der Oper in Sydney im australischen Sommer 2017.Heute kann ich wieder lachen und Mut machen: Du kannst alles schaffen!

Für mich zählt heute nur eins: positive Energie und Motivation, die ich auch gerne anderen zukommen lassen will. Ich will Dir mit meiner Geschichte Mut machen und dir zeigen, dass es JEDER schaffen kann, mit jeder Geschichte. Ich hatte nie eine Familie, die mich unterstützt hat, keinen sozialen Halt, keine Perspektive, kein Geld und keine Freunde, dafür aber meinen persönlichen Abgrund, in dem ich viel zu lange saß. Ich habe es aus eigener Kraft dort herausgeschafft und mir aus dem Nichts all meine Träume erfüllt – mit Beharrlichkeit, Disziplin, Durchhaltevermögen und der Überzeugung, dass ich alles bekommen kann, was ich möchte. Das geht nicht oder das ist unmöglich sind für mich keine Tatsachen, sondern Meinungen. Denn mein Leben ist der Beweis dafür, dass etwas, das sehr unrealistisch scheint, oftmals das realistischste ist, was wir uns vorstellen können.

 

Das einzige, was uns an der Erfüllung unserer (Reise)-Träume hindert, das sind wirklich nur wir selbst.

Wie gefiel Dir die vierteilige Serie #noexcuses? Lass es mich in den Kommentaren wissen!

 

Deine

Jacqui's Original-Signatur.

Hier geht es zu den anderen Serien-Artikeln:

#noexcuses Part I: Von Träumen, die Wirklichkeit werden. Im Interview mit Kommwirmachendaseinfach

#noexcuses Part II: Von Begegnungen für die Ewigkeit. Im Interview mit Moving2Mex

#noexcuses Part III: Der Schlüsselmoment, der unsere Lebensträume wiederbelebte. Ein Round-Up-Post

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