Ein Mann schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Quelle: Pixabay
Aussteigen

Warum Menschen aussteigen und um die Welt reisen

Von am 19. November 2017

Immer mehr Menschen trauen sich und wagen den Absprung: ob ohne oder mit Zeitlimit, wir haben keine Lust mehr auf das ewige Hamsterrad und den ewig gleichen, grauen Alltag, der wenig Abwechslung verspricht. Einfach mal raus hier, einfach mal etwas anderes machen, einfach mal nur leben und alle Herzenswünsche erfüllen. Es gibt viele Gründe, warum wir Kinder der ersten Welt keine Lust mehr auf das haben, was sich einst als „Wohlstand“ verkauft hat. Jeder von uns braucht einen tieferen Sinn im Leben und die Generation Y hat mehr als einmal bewiesen, dass es doch klug ist, über den Tellerrand hinauszublicken und zu schauen, was es neben Arbeit, Pflichten und einem vorgefertigten Lebenslauf noch so gibt. Immer mehr Menschen finden die Vorstellung eines Lebens ohne gelebte Träume und ohne glücklich zu sein als den absoluten Horror – ich gehöre ebenfalls dazu. Was Menschen dazu bewegt auszusteigen und um die Welt zu reisen, erzähle ich Dir in diesem Artikel.

Sinkende Aussichten auf gut bezahlte Jobs

Als ich Kind war, wurde mir von meinen Eltern und von meinen Lehrern im Gymnasium immer eingebläut, dass wir alle in jedem Falle einen guten Job mit adäquater Bezahlung bekämen, wenn wir nur Abitur machten und dann vielleicht sogar noch studierten. Gesagt, getan: nach dem Abi habe ich studiert, was mir großen Spaß gemacht hat und mein Leben in die richtige Work-Life-Balance gerückt hat. Doch schnell wurde klar: die Versprechen, die unseren Eltern gemacht wurden, als sie in unserem Alter waren, die gibt es heute nicht mehr. In vielen Erste-Welt-Ländern ist ein Bachelor- oder Masterabschluss kein Garant mehr für ein Einkommen über 1000 Euro. Selbst Akademiker*innen werden mit Lohndumping, fehlenden Jobangeboten, Befristungen und einer dreisten, unbezahlten Praktika-Kultur vertröstet.

Bei diesen Umständen ist es sicher kein Wunder, dass viele von uns einfach keinen Bock mehr haben, denn wozu haben wir uns dann all die Mühe gemacht? Natürlich wissen wir, dass wir als Berufsanfänger*innen ein niedriges Gehalt annehmen müssen, jedoch haben wir uns nicht vorgestellt, dass wir so wenig über das studentische Einkommen, bestehend aus Bafög oder Unterhalt mit eigenem Nebenverdienst, hinauskommen. Einem Bekannten von mir wurde mit einem Masterabschluss in einem der für MINT-Bereiche zuständigen Jobs ein befristetes Angebot unterbreitet, was ein Drittel des Gehaltes war, was normalerweise für seine Qualifikation bezahlt werden müsste. Und auch ich selbst konnte einstecken: mit acht Praktika, mehreren Fremdsprachenkenntnissen, mehrjähriger Auslandserfahrung und meiner Arbeit als Bloggerin und Autorin wurde mir lediglich ein Volontariat angeboten – für 900 Euro brutto (!) im Monat. Eine Frechheit, die mich nicht nur absolut gekränkt, sondern schockiert hat.

Zwei Männer-Silhouetten rennen zur Arbeit. Quelle: Pixabay50 Jahre jeden Tag zur Arbeit rennen? Für viele ist das eine Aussicht auf einen nie endenden Alptraum im Hamsterrad.

Null Motivation für 50 Jahre Ackern ohne Rentenglück

Natürlich gibt es auch Leute, die sich durch die unmoralischen Jobangebote gekämpft haben und mehr oder minder zufrieden sind mit ihrem Job und ihrem Gehalt. Doch auch, wenn Job und Gehalt stimmen, wird oft die innere Stimme laut: 45 bis 50 Jahre arbeiten? Tagein, tagaus? Soll das wirklich alles für mein Leben gewesen sein? Jeden Tag denselben Tag leben, bis wir 75 Jahre alt sind, ist eher Stoff für eine Horrorkomödie als für das Leben. Es geht für uns nicht mehr nur um Konsum und ein Dach über dem Kopf, denn das haben wir als Kinder der Generation Y als Selbstverständlichkeit mitbekommen – so leid es mir für andere Menschen tut, die sich ihren Wohlstand hart erarbeiten mussten. Mein Vater wird 75 Jahre alt und wie hart die Bedingungen Zeit seines Lebens waren, weiß ich genau. Doch wir sind mit Wohlstand aufgewachsen, sodass er leider für uns selbstverständlich geworden ist; auch, wenn wir wissen, dass es 75% der Welt ganz anders geht!

Da viele von uns auch den übermäßigen Konsum eingestellt haben oder einstellen wollen, weil Kaufen nicht glücklich macht und wir zusammen mit dem Fakt, dass wir schon immer in komfortablen Häusern mit netter Ausstattung und allerlei Annehmlichkeiten wie stylischen Klamotten, Handys und Karten für Festivals aufgewachsen sind, werden uns diese Dinge zunehmend egal. Wir brauchen nicht mehr hart ackern, um schicke Dinge zu haben, denn sie sind einfach so da. Wir brauchen viel eher  einen tieferen Sinn und kein übermäßiges Geld, was wiederum mit einem Job verbunden ist, der uns bis zu 40 Stunden die Woche von uns selbst fernhält und sich undankbar performt. 50 Jahre Ackern, von Befristung zu Befristung betteln und am Ende nicht mal 500 Euro Rente bekommen – das sehen wir einfach nicht ein!

Zu hohe Lebenshaltungskosten stehen sinkenden Reallöhnen gegenüber: wie lange ertragen wir das? 

Alles kostet Geld – und zwar viel

Nachdem die Motivation in Anbetracht der schlechten Konditionen von hochqualifizierten Jobs oder der Aussicht, 50 Jahre ein und dasselbe zu tun, sowieso schon flöten gegangen ist, kommt da noch das Ding mit dem lieben Geld. Denn alles kostet inzwischen Geld – und zwar viel! Natürlich wissen wir, dass es uns in Deutschland zum Beispiel mit Lebensmittelpreisen oder Nahverkehrstickets noch ganz gut geht (ein Monatsticket in London kostet beispielsweise 330 (!) Euro im Monat), doch kommen wir mit den sinkenden Reallöhnen, die mit steigenden Lebenshaltungskosten konkurrieren müssen, selten auf einen grünen Zweig. Gerade in Ballungsgebieten kommt neben regelmäßigen Erhöhungen von Strom, Wärme oder anderen Kosten noch die Bedrohung der Gentrifizierung dazu. Ich habe schon immer doppelt oder dreifach so viel Miete gezahlt, als ein Freund von mir in Dortmund. Dagegen kommt inzwischen niemand mehr an, denn die Mieten haben die Möglichkeiten der Mittelschicht eingeholt und erschöpft.

Die unfaire Art der Besteuerungen in Deutschland setzt der Sache das i-Tüpfelchen auf, denn es wir abgezockt, wo geht: als ich damals in der Gastronomie arbeitete, mussten die Vollzeitkräfte, die wirklich auch Brutto nichts verdient haben, so verhältnismäßig hohe Steuern zahlen, dass den meisten trotz eines 40-Stunden-Jobs gerade einmal 800 bis 900 Euro Netto blieben. Davon kann niemand leben; außer in entlegenen und günstigen Gebieten auf dem Land vielleicht. Von Versagen des Einzelnen kann hier keine Rede sein, denn auch Kellner*innen konnten früher von ihrem Gehalt leben. Jede Arbeit muss gut entlohnt werden, denn für manche ist der oft in der Mittelklasse verwendete Begriff des Low-Budget-Jobs die einzige Chance. Eine andere Freundin rutschte mit ihrem Business-Job in die 45% Besteuerung, sodass ihr so wenig Geld übrig blieb, dass sie auch einfach einen anderen Job mit weniger Stress und Verantwortung machen könnte, um auf dasselbe Lohnniveau zu kommen. So etwas darf nicht sein. Das frustriert uns und das finden wir scheiße!

Eine Person macht Yoga im Abendrot. Quelle: PixabayDie Zeit für sich selbst wird bei acht Stunden Arbeit, zwei Stunden Fahrtweg und acht notwendigen Stunden Schlaf einfach zu knapp! 

Die Krönung des Stresses: fehlende Work-Life-Balance

Inzwischen sind wir Menschen zu der Erkenntnis gelangt, dass zu viel Arbeit krank macht (und das nicht erst seit dem Buch Arbeit ist nicht unser Leben von Alix Faßmann, was ich dringend empfehlen kann) und dass wir heute nicht mehr so viel arbeiten brauchen wie früher. Zum Ende des 19. Jahrhunderts mussten Menschen über unglaubliche 80 Stunden arbeiten, doch die Zahl der Wochenstunden war kontinuierlich rückläufig – bis 1995. Studien haben bewiesen, dass Arbeitnehmer*innen in sechs statt acht Stunden  bei gleichem Gehalt produktiver und gesünder sind. Und sind wir mal ehrlich: als wenn ich nach mehr als sechs Stunden noch irgendetwas leisten könnte? Die letzten zwei Stunden im Büro dienen oftmals dem Zeitabbau.

Doch da wir erst am Anfang dieser Entwicklung stehen, wird es noch ein wenig dauern, bis alle Menschen in der 30-Stunden-Woche ankommen dürfen. Daher zahlen die meisten von uns jetzt auch den höchsten Preis für die 40-Stunden-Pflicht: ihr Leben. Denn wer den ganzen Tag nur mit Arbeit, danach mit Essen und Schlafen zu tun hat, um am nächsten Tag wieder fit zu sein, der hat keine Zeit für sich selbst. Die eine oder die zwei Stunden nach den Abendpflichten reichen nicht aus, um bei uns selbst anzukommen – Frust und Traurigkeit ist das Ergebnis. Wie soll ich mich erholen, wie soll ich Hobbies nachgehen oder Freunde treffen? Wie soll mein Leben neben so viel Arbeit Substanz haben? Alle meine Freunde, die in Vollzeitjobs arbeiten, sind trotz mittelmäßigem bis guten Gehalt unzufrieden und wünschen sich mehr Zeit für ihr Leben. Wie sollen wir das dann auch noch 50 Jahre aushalten?

Zwei Männer kommen in Japan an und suchen nach einem Ort. Quelle: PixabayAlles geplant und ordentlich über einen Haufen werfen und in einer fremden Stadt ankommen ist das schönste Gefühl!

Die Möglichkeiten nutzen: alle Türen stehen uns offen

Versteh mich nicht falsch: uns geht es immer noch wunderbar, doch wir sehen alles von unserem Standpunkt aus – und der liegt nun einmal in der Ersten Welt. Niemand hat Lust, sich ständig in einem Teufelskreis zu drehen und niemand hat Lust, ständig zu kämpfen. Niemand will dauerhaft gegen hohe Preise, Dumpinglöhne, Befristungen, Gentrifizierungs-Wahnsinn und gegen das Gefühl, dass Montage das Schlimmste sind, was wir uns ausmalen können, ankämpfen. Wir wollen glücklich sein und dafür müssen wir einfach manchmal raus!

Die Lösung heißt da für viele: reisen. Einfach mal nur reisen und glücklich sein! Die Welt sehen, Träume erfüllen, einfach nur Sein, statt Tage vergehen zu sehen, die ohnehin nie wirklich da waren. Weil die meisten von uns aber weder Millionäre*innen sind, noch viel sparen konnten, bleibt einem oftmals nur der komplette Ausstieg. Wenn Wohnung, Krankenkasse oder andere Abgaben weiterlaufen, um die wir uns ohnehin auf Reisen nicht kümmern wollen, sind das nur Stolpersteine, die uns unseren Reisetraum kosten können. Egal, ob auf Zeit oder für immer, wenn es um einen notwendigen Cut geht, dessen Lösung eine Langzeitreise ist, dann geht es meistens nicht anders. Für mich war dieser Cut eine der größten Erleichterungen meines Lebens, denn mit Aufgabe meiner Wohnung, Kündigung aller Verträge und der Tatsache, dass meine Handynummer nicht mehr erreichbar war, fiel mir ein Gebirge unbeschreibbarer Größe von Herzen. Ich war nun voll und ganz bereit für meine Reise und für mich selbst.

Die Vorteile von Reisen habe ich ja bisher schon immer wieder beleuchtet, doch schadet es nicht, sich noch einmal klarzumachen, welchen unglaublichen Nutzen wir aus einem zeitlich begrenzten oder unbegrenzten Ausstieg zum Weltreisen haben: persönliches Wachstum, seelische Heilung, ein ganz anderer Fokus und natürlich das Gefühl, glücklich zu sein. Eine Reise ist keine Flucht, sondern eher das finale Fassen Deiner selbst. Denn all das hilft uns, zu uns selbst zu finden; nicht nur glücklich zu werden, sondern es auch zu bleiben; und spendet uns Kraft, die wir brauchen, um unseren weiteren Lebensweg zu begehen. Denn eines ist klar: auch, wenn wir nach einer Weltreise wieder zurück in den Alltag gehen, wird er sich nie wieder so anfühlen wie zuvor, denn wer weiß, dass er die Wahl hat und das tun kann, was er gern möchte, der fühlt sich von den Problemen nicht mehr so erschlagen. Auch die Gewissheit, seinen Traum gelebt oder einen Teil dessen gelebt zu haben, bringt die größte seelische Ausgeglichenheit und Befriedigung die wir im Leben bekommen können. Das macht uns nahezu unangreifbar – und wir finden Frieden!

Zwei Frauen lachen auf einer Treppe. Quelle: PixabayNur Sein, statt Tage vergehen zu sehen, die nie da waren: nach dem Ausstieg sind wir auf unserer Weltreise nur noch glücklich!

 

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Jacqui Grewenig
London, England

G'day mate! Ich bin Jacqui, Weltreisende, Aussteigerin und Freigeist. Ich liebe das Leben, das Reisen, fremde Kulturen, vegetarisch-veganes Streetfood aus aller Welt und lerne gerne neue Leute kennen. Ich begeistere mich für Meditation, Yoga und den Buddhismus und reise am liebsten in Länder, die völlig anders sind als Europa. Darum ist mein Lieblingsland wohl auch Indien... ♥ Ich bin vor 2 Jahren ausgestiegen und lebe und arbeite seitdem rund um die Welt.

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