Zwei Backpacker lesen eine Straßenkarte. Quelle: Pixabay

Nachdem ich im November 2015 mein altes Leben in Berlin komplett aufgegeben habe, um meinen größten Traum, das Reisen um die Welt, zu leben, bekomme ich oftmals großen Zuspruch für die Entscheidung und meinen Mut, diese umgesetzt zu haben. Das Lob der fremden Freunde macht mich glücklich, denn es bestätigt mir, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe und dass ich darauf stolz sein kann. Doch manchmal treffe ich auch auf Leute, die mir mit den typischen Vorurteilen begegnen, die Dauerreisende ausgesetzt sind. Viele von ihnen meinen das glaube ich auch nicht böse; denn für Menschen, die ihren geregelten Alltag leben und damit glücklich sind, ist es nicht immer nachvollziehbar, wieso sich andere eben dafür entscheiden, alles aufzugeben und dauerhaft um die Welt zu reisen. Ich habe Dir in meinem heutigen Artikel die gängigsten Vorurteile zusammengefasst und hoffe, dass ich sie auch für die letzten Zweifler entkräften kann.

1. Dauerreisende sind auf der Flucht

Das größte Vorurteil, dem ich seit jeher begegne, ist, dass Menschen denken, ich sei Dauerreisende, weil ich auf der Flucht bin. Auf der Flucht vor meinem alten Leben, mir selbst und der Realität. Oft wird vermutet, dass ich es Zuhause nicht auf die Kette bekommen habe und eventuell Probleme in der Uni, im Job, mit Geld oder Menschen oder mit allem hatte. Ob Berlin zu krass war wegen den ganzen Abgründen aus Feiern, verkrachten Existenzen und fehlenden Grenzen. Ich kann darüber nur lachend den Kopf schütteln, denn dauerhaft zu reisen ist ganz und gar keine Flucht. Ganz im Gegenteil: wer reist, der kann nicht vor sich selbst fliehen, denn gerade auf Reisen, wenn wir viel Zeit haben und uns vom Stress des monochromen Alltags erholen, dann begegnen wir uns selbst.

Je weiter und länger wir weg von Zuhause sind, desto mehr bemerke ich, was für eine Person ich eigentlich bin und bin mir so nah wie selten zuvor. Daher ist Reisen für Selbstfindungsphasen das beste Heilmittel, denn sie passiert ganz von selbst. Wer länger reist, der wird von den Erkenntnissen der Selbstfindung, die automatisch beginnt, nahezu überrollt, was dazu führt, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen müssen. Daher sind Langzeitreisen auch immer eine emotionale Reise, denn sie bringen uns in Kontakt mit der Person der wir sein könnten, von der wir uns klammheimlich im Innern immer wünschten, sie endlich zu sein. Eine Flucht aus der Konfrontation mit sich selbst wäre da lediglich, wieder zurück nach Deutschland zu fliegen und in das alte Leben abzutauchen.

Ein Zug der Linie Southern Line in England. Quelle: PixabayEinsteigen und nichts wie weg? Ein Leben auf Reisen oder eine Weltreise sind alles andere als eine Flucht.

2. Dauerreisende sind verantwortungslos

Ein zweites Vorurteil ist, dass mir manchmal unterstellt wird, ich sei verantwortungslos, weil ich für meinen Traum alles aufgegeben habe und mich auch gewissermaßen gegen die Gesellschaft gestellt habe. Somit würde ich mich auch nicht um meine Verantwortungen kümmern, die ich in Deutschland hätte, von denen die Größte sei, dass ich arbeiten muss, um später meine Rente zu bekommen und um mir Wohneigentum und Besitz zu leisten, den wir nun einmal haben. Daher würde ich, weil ich jetzt so verantwortungslos gehandelt hätte, später nicht genug Rente bekommen und müsste zusätzlich arbeiten und daher einen schlimmen Lebensabend haben würde. Außerdem bliebe keine Zeit zur Partnerfindung für mögliche Kinder, da angeblich niemand so einen Lebensstil teilt und unterstützt.

Für dieses Vorurteil habe ich leider überhaupt kein Verständnis, denn Dauerreisende haben mit ihrer Entscheidung, Dauerreisende zu sein, gezeigt, dass sie absolut verantwortungsvoll gehandelt haben. Zum einen habe ich die volle Verantwortung für die Erfüllung meiner Träume übernommen und sie nicht ignoriert. Somit habe ich auch die Verantwortung für alle Konsequenzen übernehmen müssen, die aus meinem Entschluss, meinen Traum zu leben, entstanden sind. Darüber hinaus fand ich es sehr anmaßend bestimmen zu wollen, dass ich arbeiten muss, sowie Wohneigentum, Besitz und Kinder haben muss. Das lässt gar nicht zu, dass es verschiedene Lebensweisen gibt, von denen nicht alle diese Dinge miteinbeziehen wollen.

Kleine Pins stecken in einer Weltkarte an der Wand. Quelle: PixabayVerantwortungsbewusstsein bedeutet auch, die Reise und ihre Konsequenzen gut durchdacht zu haben. 

Ich könnte aktuell meine Rente sowieso nicht mehr beeinflussen, denn schon mit 21 Jahren habe ich einen Brief vom Staat bekommen, der mir prophezeit hat, dass ich, um eine akkurate Grundsicherung im Alter zu bekommen, bereits mit 18 Jahren hätte anfangen müssen, Vollzeit zu arbeiten. Doch mit 18 Jahren war ich noch in der Schule und mit 21 Jahren gerade mal auf der Universität. Eine Bekannte hatte vor ein paar Jahren einen Brief bekommen, in dem ihr ganze 217€ pro Monat zugesagt wurden, obwohl sie seit sie 19 Jahre alt war, in einem soliden Job arbeitet, der nicht schlecht bezahlt wird. Somit wäre das Argument dann vom Tisch, denn in der Rente nicht arbeiten zu müssen, ist eine Illusion, die ich nie geträumt habe. Ich werde arbeiten, bis ich umfalle, und das ist in Ordnung, weil ich ja schon vorher glücklich war und gelebt habe. Auch ist die Entscheidung, Dauerreisende*r zu sein, kein Muss für die Ewigkeit. Denn ich kann jederzeit zurückgehen und Arbeit aufnehmen, Statussymbole kaufen und Kinder bekommen. Ich möchte es nur einfach nicht, denn das macht mich nicht glücklich.

3. Dauerreisende sind faul

Das dritte Vorurteil ist, dass Dauerreisenden unterstellt wird, sie seien stinkfaul. Ich denke, das Vorurteil geht Hand in Hand mit dem Gedanken, wir seien auf der Flucht. Oft haben Menschen das Bild von einem ungepflegten Backpacker im Kopf, der mit Cocktail am Strand liegt und jeden Tag wild in den Tag hineinlebt. Natürlich gibt es Tage, wo auch ich in den Tag hineinlebe, doch ist das eher selten, da ich reise, um die Welt zu sehen und nicht, um Urlaub zu machen. Und das ist bekanntlichermaßen ein großer Unterschied… Mein Alltag ist jetzt zwar nicht mehr monochrom und lang, dafür polychrom und lang. Ich verbringe meine Zeit nur anders – sie wird viel wertvoller. Wo ich Zuhause im Alltag schon um 8:00 Uhr hoffte, dass der Tag bald endlich vorbei sein würde, bin ich auf Reisen viel bewusster im Sein, denn ich freue mich auf alles: das Aufwachen, das Frühstück, das Wetter, die Natur, die Menschen, die Kultur und mein Tagesprogramm. Meistens erkunde ich neue Orte und besichtige die Welt, denn das ist es, was ich auf Reisen tun möchte. Und wenn ich erkunde, dann beschäftige ich mich schon im Vorfeld und auch währenddessen mit der Geschichte des Ortes und Fakten zu den Orten, weil ich alles lernen und alles aufsaugen möchte. Und wenn ich nicht erkunde, dann treffe ich tolle Menschen oder betreibe Seelenpflege in Form von Yoga, Meditation oder Schreiben. Es kommt wirklich nur ganz selten vor, dass ich faul in der Hängematte liege und nichts tue – ich würde auch hier eher ein Buch lesen oder meinen Gedanken freien Lauf lassen. Dauerreisen hat nichts mit Faulheit zu tun, denn hier sind wir 24/7 gefordert – weil wir es so und nicht anders wollten!

Eine Frau hält einen Polaroidrahmen vor eine Bergkulisse. Quelle: PixabayBitte einrahmen und verpacken, das nehme ich mit! Wir reisen, um das Leben und die Welt so zu sehen, wie sie sind! 

4. Dauerreisende sind arbeitsscheu

Ab und an wird mir unterstellt, ich sei Dauerreisende, weil ich arbeittscheu und vergnügungssüchtig sei. Erst einmal verstehe ich das Wort vergnügungssüchtig nicht ganz, denn es ist ganz natürlich, dass wir süchtig nach dem Vergnügen sind. Wir wurden ja nicht geboren, um ausschließlich Pflichten abzuarbeiten und keinen Spaß zu haben; wir wurden geboren, um glücklich zu sein und unser Leben zu leben. Und jeder lebt sein Leben nach seiner Facon und das ist auch gut so! In Punkto arbeitsscheu kann ich nur entnervt mit den Augen rollen, denn ich stamme weder aus einer reichen Familie, noch habe ich ein unendlich gefülltes Bankkonto.

Was mir bleibt, ist meine gute Ausbildung und mein unbändiger Wille, überall auf der Welt zu arbeiten, denn Geld ist nun einmal für meinen Traum das Wichtigste. Es geht nicht darum, wie viel ich habe, denn Reisen ist nicht teuer; aber es geht darum, dass ich immer irgendeine Summe zur Verfügung habe, um weiterreisen zu können. Der Flug nach Indien bezahlt sich nun einmal nicht allein! Daher bin ich, auch, wenn ich die 40-Stunden-Woche entscheidend ablehne, immer geneigt, für eine Phase lang zu arbeiten, bis ich weiterreisen kann. Ich würde mich davor hüten, keine Arbeit zu haben, denn das würde bedeuten, dass ich meinen Traum aufgeben muss. Doch für meinen Traum gebe ich alles!

Ein Wohnmobil parkt vor atemberaubender Sternenkulisse. Quelle: PixabayFür Momente wie diese ergebe ich mich gerne voll und ganz wiederkehrenden Arbeitsphasen. 

5. Dauerreisende wollen nur feiern

Auch ein sehr großes Vorurteil, was mir öfters begegnet ist, ist dieses, dass Menschen denken, Dauerreisende seien nur heiß aufs Feiern. Dieses Argument verstehe ich jedoch schon, da viele Backpacker*innen in den Bars und Clubs rund um die Welt den Eindruck hinterlassen, dass sie nur wegen der Exzesse da sind. Doch in den meisten Fällen ist das einfach nicht korrekt, denn zum einen hat es etwas mit dem Alter zu tun, und zum anderen mit dem Unterschied zwischen Urlaub und Reisen. Mit Anfang 20 lassen die meisten Menschen es nun einmal richtig krachen und das ist auch völlig in Ordnung. Daher finden sich in gewissen Bars und Clubs fast ausschließlich junge Erwachsene. Noch dazu sind viele einfach nur im Urlaub oder machen ein Gap Year, wo nicht nur Sehenswürdigkeiten im Vordergrund stehen, sondern die Reise als Gesamtkonzept. Wer gerade Schule oder Uni fertig hat, der möchte auch einmal auf den Putz hauen und sich selbst feiern.

Dauerreisende sind meiner Erfahrung nach nicht besonders scharf aufs Feiern, was auch hier wieder am Alter liegen kann, denn mit Ende 20 – dem Alter, in dem ich eher von Dauerreisenden sprechen würde, als von Menschen mit Anfang 20 – haben wir uns in der Regel ausgefeiert. Gerade in meinem Fall finde ich das eindeutig, denn für mich als Berlinerin war die Dauerparty immer da, weil die Clubs 24/7 geöffnet haben – wortwörtlich. Ich habe mehr als genug Wochenenden durchgefeiert und mehr als genug meine Turnschuhe zum Techno zersteppt. Wenn ich durchfeiern will, fahre ich zurück nach Hause, dafür brauche ich nicht um die Welt zu fliegen. Doch Feiern liegt nicht nur aufgrund meines Alters nicht mehr in meinem Fokus, sondern auch, weil ich Dauerreisende geworden bin, um die Welt zu sehen. Und wenn ich da jeden Tag feiern würde, hätte ich tagsüber gar keine Kraft und Lust mehr, mir die Wunder dieser fantastischen Welt anzuschauen.

Zwei Frauen jubeln vor einer Bergkulisse. Quelle: PixabayParty kann sein, muss aber nicht: Dauerreisende sind eher seltener auf Partys zu finden.

 

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Hinweis: Alle Bilder aus diesem Artikel stammen von Pixabay.

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