Der Dance Temple bei Nacht auf dem Boom Festival in Portugal, 2018.

Ende Juli 2018 erfüllte sich für mich ein weiterer Lebenstraum, der schon seit über fünf Jahren auf meiner Bucketlist verweilt hatte: ich konnte endlich zum legendären Boom Festival nach Portugal fahren! Da ich seit jeher auf elektronische Musik – ganz besonders Psytrance und Techno – abfahre und mich darüber hinaus sehr gut mit der Hippie-Community identifizieren kann, war das Boom Festival, welches alle zwei Jahre zu Vollmond im Juli in der Ortschaft Idhana-A-Nova im Osten Portugals an einem riesigen See stattfindet, immer ein großer Traum von mir. Glücklicherweise entschied das Universum im Frühjahr 2017 für mich, dass es Zeit ist, kurzweilig nach Europa zurückzukehren, was eine der besten Entscheidungen war, die ich jemals treffen konnte. Nur so erschuf ich mir auch die einmalige Gelegenheit, das Boom Festival mitzunehmen, sodass ich mir direkt Tickets bestellte, den Flug buchte und mein AirBnB in Lissabon sicherte. Als sich der Traum dann erfüllte, blieben nur Freudentränen und eine wahre Sprachlosigkeit danach, denn dieses Festival ist das bisher schönste und tollste, was ich in meinem Leben besucht habe – und ich habe wirklich viele Festivals in den letzten Jahren besucht! Was das Boom Festival einzigartig macht, was ich mitgenommen habe und wie es mich positiv verändert hat, erzähle ich Dir in diesem Artikel!

Was ist das Boom Festival?

Das Boom Festival fand 1997 als zunächst rein musikalisches, kleines Festival im Örtchen Zambujal im Westen von Portugal statt. Neben einer Bühne für Psytrance gab es lediglich eine Cillout Area als Alternative. Heute ist das Boom Festival zu einer multidisziplinären Veranstaltung mit mehreren Tausend Besuchern gewachsen, welche ganze sieben Tage zusammen am See in Idhana-A-Nova im Osten Portugals feiern und in einer Welt leben, die meinem Traum einer perfekten Hippiewelt voller Liebe, Freiheit und Spiritualität sehr, sehr nahekommt. 2018 waren 143 Nationen vertreten, was das Festival zu einem multikulturellen Ort macht, an dem Stereotype entkräftet und stattdessen die natürliche Liebe zwischen Menschen jeglicher Herkunft gefördert werden.

Natürlich ist die Musik auch immer noch ein großes Element, denn neben dem liebevoll dekorierten Dance Temple, wo fast 24 Stunden am Stück energetischer Psytrance herausgeballert wird, gibt es auch den Alchemy Circle für andere elektronische Musikrichtungen wie Techno, House oder Dubstep. Da ist außerdem noch die Sacred Fire Bühne, welche Weltmusik und Bands verschiedener Genres vereint; sowie der Funky Beach am anderen Ende des Boomlands, wo öfter Techno und House laufen – und natürlich die Chillout Stage, wo es etwas ruhiger zugeht.

Im Alchemy Circle wurde auch bei 37 Grad im Schatten abgesteppt bis zum Morgengrauen!

Zwischen Supermarkt und alternativer Einkaufsmeile einfach mal nur sein und genießen!

Neben der Musik geht es vor allem um Spiritualität, Heilung und Kunst. Besonders in den Being Fields, welche am anderen Ende des Boomlands hinter dem Dance Temple liegen und mein Lieblingsort sind, geht es um Workshops für Geist und Seele. Es gibt Meditationen unterschiedlichster Art, Yoga-Kurse, Tai-Chi und Qigong Angebote und vor allem Heilworkshops, die mit verschiedenen Naturheilmethoden darauf abzielen, Wunden zu schließen, Ballast abzuwerfen und seine Seele vollends von Dämonen zu befreien. In den Being Fields befinden sich ebenfalls ein Massagebereich, schattige Plätzchen für Workshops, zahlreiche Hängematten, Skulpturen, Lichter und versteckte Plätze zum Spielen und Entspannen. Auf dem gesamten Boomland finden sich zahlreiche Skulpturen, Gärten, Galerien und Installationen vor, die einem vor allem nachts mit exzentrischer und einfallsreicher Beleuchtung die Sinne rauben.

Im Liminal Village geht es ganz um den Gedankenaustausch: es gibt Kinofilme zu bestaunen, Vorträge zu hören und Diskussionen zu führen. Auch finden hier Yoga und Meditationskurse statt, die auf dem Boom Festival wirklich nicht zu kurz kommen! Des Weiteren gibt es einen riesigen Bereich für Kinder, eine Schlammgrube für gesunde und fröhliche Schlammbäder, die Chill Out Gardens zum Entspannen und spazieren gehen, einen riesigen Food Court und natürlich den wunderbaren See, der in den heißen Tagen die einzige Möglichkeit der Abkühlung ist.

Seitenansicht des großen Holzhauses: mit seinen Verstecken ein wahrer Erwachsenen-Spielplatz!

Grundsätze und Ethik des Boom Festivals

Das Boom Festival versteht sich als ethisches Festival, welches einen nachhaltigen Ethos entwickeln und fernab der Gesellschaftsnormen Unterhaltung schaffen möchte. Es kommt komplett werbefrei daher und finanziert sich ausschließlich aus den Ticketverkäufen. Darüber hinaus geht es sehr stark um die Gemeinschaft der Menschen aller Nationen als eine Einheit, was am ehesten der Bezeichnung No Nations, No Borders entspricht. Dieser Ansatz äußert sich vor allem darin, dass Nationalflaggen verboten sind, was ich als Anhängerin dieser Maxime sehr begrüße. Das Boom Festival vermittelt eindeutig, dass es egal ist, wo wir herkommen, da wir in unseren Herzen immer dasselbe wollen und wir alle gleich sind – nur Sprachen und Kulturen unterscheiden uns, was es sehr spannend macht, aber nicht voneinander entfernt!

Darüber hinaus geht es um Naturverbundenheit und Umweltbewusstsein, was sich darin bemerkbar macht, dass das Festival ungewöhnlich sauber ist. Müll wird gesammelt und zu den Recyclingstationen gebracht. Zigarettenstummel und sogar Asche finden ihren Weg in portable Taschen-Aschenbecher und selbst die Toiletten sind so sauber, dass auch am siebten Tag das Geschäft sorgenfrei im Sitzen statt im Skispringer erledigt werden kann. Wenn doch einmal Müll herumliegt, findet sich mindestens sofort eine Person, die ihn aufliest und in den Mülleimer bringt. Menschen vermeiden Plastik und nutzen wiederverwendbare Flaschen, Teller oder Besteck. Im Verlauf der Jahre wurde das Boom Festival immer umweltfreundlicher: die Toiletten sind Bio-Komposttoiletten ohne Chemikalien, Abwasser wird mit Biotechnologie gereinigt, Wind- und Solarenergie genutzt und selbst an Essensständen wird möglichst müllfrei genossen. Pizza gibt es nur im Backpapier, auf dem sie gebacken wurde, Pasta wird von einem Blumenuntertopf mit richtigem Besteck gegessen, welches mit einem Pfand zurückgebracht werden muss; und Cocktails haben keine Strohhalme, dafür aber Blätter der Yucca-Palme im recyclingbaren Becher. Neben dem ethischen Aspekt geht es ebenfalls um die starke Bindung des Menschen zur Mutter Erde und zum Vater Himmel, welche in verschiedenen Kursen, Ritualen und Meditationen gepriesen werden.

Auf Albert Hoffmanns Spuren: bei dem weitläufigen Boomland die bequemste Lösung. 

Des Weiteren geht es beim Boom Festival um spirituelle Bewusstseinsentwicklung. Es geht um das Ausleben des wahren Ichs, das Herauslassen des inneren Kindes, um das Heilen von Wunden und die spirituelle Erweiterung des Horizonts mit meist psychedelischen Drogen wie LSD. Da Drogen in Portugal vor 15 Jahren entkriminalisiert wurden und der private Konsum oder Besitz maximal eine Ordnungswidrigkeit wie Falschparken ist, ist der Umgang mit sämtlichen Drogen dieser Welt sehr locker, völlig normal und wird offen praktiziert. Hierbei geht es jedoch nicht um extrem selbstzerstörerische Drogen wie Heroin, Meth oder Crack, sondern um psychedelische Substanzen, die Horizonte erweitern, wie etwa LSD, Magic Mushrooms, Ecstasy und MDMA. Die Festivalbesucher sind in der Regel sehr aufgeklärt, wissen was sie tun, praktizieren safer use und können gut auf sich aufpassen. Die positiven Aspekte des Drogenkonsums als Bewusstseinserweiterung überwiegen hier ganz klar. Für schwierige Erfahrungen gibt es dann aber noch ein Ass im Ärmel: den Kosmicare Stand, der Drogenaufklärung betreibt, Drogen der Besucher testet und Menschen betreut, die sich unwohl fühlen.

“Boom is not only a festival, it is a state of mind. Inspired by the principles of Oneness, Peace, Creativity, Sustainability, Transcendence, Alternative Culture, Active Participation, Evolution and Love, it is a space where people from all over the world can converge to experience an alternative reality.” – Travelisthenewclub.com

Die vielen liebevoll angelegten Gärten erfreuten sich bei uns Boomern besonderer Beliebtheit. 

Der Hippietraum wird Wirklichkeit: mein erstes Boom Festival

Nachdem ich nun so lange daraufhin gefiebert habe, Teil des Boomiversums zu sein, war meine erste Boom ein wahrlich voller Erfolg. Nach drei erholsamen Tagen in Lissabon bin ich am Sonntag mit dem ersten Boom Bus vom Flughafen gestartet. Es war erst 6:00 Uhr in der Früh, doch die Hippies, die schon warteten, strahlten mir wie der Sonnenaufgang entgegen. Da ich meine Crew erst auf dem Gelände treffen sollte, war ich allein, doch ich fühlte mich nicht allein – keineswegs! Alle waren freundlich, in Gesprächslaune und lächelten mich freundlich an. Essen wurde geteilt, Menschen stellten sich vor und berichteten über ihre bisherigen Boom Erfahrungen oder Sehnsüchte, je nachdem, ob sie schon da gewesen waren oder nicht.

Der Bus fuhr derweil überpünktlich ab und platzierte mich neben einen Künstler aus Kalifornien, der allerlei Geschichten und Krimskrams in seinem Rucksack hatte. Die Stimmung war ausgelassen, fröhlich und die Landschaft vor dem Fenster wahnsinnig schön! Ich hatte ganz vergessen, wie unglaublich toll Südeuropa ist. Nach ein paar Stunden gab es das Festivalbändchen an einem ersten Stopp und nach etwa viereinhalb Stunden wurden wir mit unserem vielen Gepäck am Eingang zum Festival herausgelassen. Besonders beeindruckt hat mich, dass alles so mega smooth gelaufen ist: ich habe den Bus direkt gefunden, konnte direkt einsteigen, der Bus ist direkt abgefahren, es gab keinen Stau und genug Mitarbeiter*innen bei der Bändchenausgabe und keine Überfüllung bei Ankunft. Sprich: das sonst so bekannte Festivalchaos blieb aus!

Der heilige Ort des Psytrances: im Dance Temple bebten die Energien – nicht nur vom Bass!

Zu aufgeregt zum Schlafen: keine Sekunde verpassen

Auch vor Ort beeindruckte mich alles mit perfekter Organisation. Da alles ausgeschildert war, fand ich mein Camp mit alten und neuen Freunden aus Indien, Deutschland, Kanada, Frankreich, Südafrika und vielen anderen Ländern sofort. Bereits zwei Stunden nach Ankunft war mein Zelt aufgebaut und eingerichtet, ich hatte mich allen neuen Mitbewohnern auf Zeit vorgestellt und dann war ich das erste Mal nackt im See schwimmen. Es war wirklich unglaublich heiß! Auch die nachfolgenden Tage waren Temperaturen zwischen 33 und 37 Grad unser treuer Begleiter. Zum Glück gab es immer noch den See zur Abkühlung und schattige Plätze im Grünen und am Dancefloor.

Es dauerte wirklich nicht mal einen halben Tag und ich war schon völlig in der Hippiewelt des Boom Festivals verschwunden. Alltag, Sorgen und Stress waren vergessen, denn ich wollte nur noch sein! Für mich zählte jetzt nur noch, in meinem Xena-Warrior-PrincessOutfit – wie es liebevoll von Erik aus Kanada getauft wurde – barfuß über das Boomland zu laufen und mir alles anzusehen. Mit im Gepäck war meine neue Bekanntschaft Sam aus Israel, mit dem ich von nun an sieben Tage wie festgeklebt verbringen würde; so eine gute Verbindung hatten wir aus dem Nichts geschaffen. Niemand wird eben ohne Grund getroffen…

Abends in den Being Fields überstimmte das romantische Konzert der Grillen sogar die Musik. 

Wenn sich die Nacht über das Boomland legt, existiert urplötzlich ein ganz anderes Universum.

Das Boomland: ein wahrer Spielplatz für Erwachsene

Das Boomland bestach derweil mit seiner Größe und den vielen verschiedenen Elementen, die allesamt als farbensprühende, psychedelische Kunst bezeichnet werden können. Es gab kunstvoll angelegte Gärten, Skulpturen, Lichtinstallationen, Klangstationen, ein Trampolin, ein Karussell, Chillout Areas mit Sitzkissen, mit leuchtenden Kunstquallen behangene Bäume, Verstecke, Hängematten, kleine Baumhäuser und ein riesiges Holzhaus neben dem Dance Tempel, welches zum Chillen und Spielen benutzt wurde und auch als The Restaurant bezeichnet wurde. Das hier ist ein verdammter Spielplatz für Erwachsene, auf dem nicht nur die Kinder dieser herumtobten!

Die abgefahrenste Installation für mich war das verrückte Hotel neben dem Alchemy Circle, welches mehrere Stationen hatte, die sich ganz besonders lustig besuchten, wenn bewusstseinsverändernde Substanzen im Spiel waren. Es gab einen Check-In mit Telefon und immer einer Person, der den Hotelier spielte; ein Speisezimmer mit Kronleuchter am Baum, ein Schlafzimmer mit einem Bettgestell, sowie ein Badezimmer mit echter Badewanne. Wohlgemerkt waren das keine Zimmer, sondern frei zwischen den Bäumen installierte Bereiche, doch das war egal! Das Setting war so abgefahren, dass Realität schon längst kein bekanntes Wort mehr war – auch nüchtern nicht!

Die schönste Kunstinstallation war für mich die Mutter Erde, die stets über uns gewacht hat. 

Mit meinem guten Freund Tan aus Bombay habe ich schon so manches Abenteuer erlebt!

Meine Göttin war derweil die hölzerne Skulptur von Mutter Erde, welche sich am Dance Temple neben dem riesigen Spiel-Baumhaus befand. Ich habe selten in meinem Leben so schöne Kunst gesehen, die ich sofort im Garten hätte stehen haben wollen, wenn sie denn hereingepasst hätte. Mutter Erde war ganz aus Holz geformt, ihre Kleider mit Seilen gemustert, während Hörner von ihrem Kopf ragten und grüne Pflanzen aus Ihrer Brust wuchsen. Zum Leben erwachte Mutter Natur besonders dann, als ich auf den Spuren von Albert Hoffmann wandelte. Sie bewegte sich, sie bekam richtige Augen, die mir den Weg wiesen und ich stand da mit offenem Mund, mit Gänsehaut und tief bewegt. Ich werde niemals vergessen, wie sie mich angestarrt hat, diese wunderbare Mutter Erde, aus der wir alle kommen…

Tanzende Zirkusmenschen verbreiten liebevolle Hippievibes

Ich war schon vom ersten Spaziergang an so glücklich, dass es mich direkt für mehrere Stunden aufs Dancefloor verschlug. Der Psytrance bretterte den härtesten Bass auf meinen Körper ein, den ich jemals gefühlt habe. Die Anlage war der Wahnsinn! Die DJs waren der Wahnsinn! Die Menschenmenge war der Wahnsinn! Es war schön, nun ein Teil der sich bewegenden, halbnackten Masse zu sein, die ihre Dreadlocks in kurzen Röckchen oder lässigen Shorts über den Dancefloor bewegten. Menschen hatten die für elektronische Musik bekannten Feierstöcke mitgebracht, welche im Grunde genommen umgebaute Regen- und Sonnenschirme mit Teleskop- oder Holzstöcken waren, von denen Lichterketten oder Stoffe baumelten. Einmal hatte ich sogar einen Typen getroffen, der ein Wählscheibentelefon angebracht hatte, von dem die begeisterten Druffis Telefonate führten, als gäbe es keinen Morgen mehr. Die Stimmung war bombastisch!

Doch nicht nur die Energie dieser ausgeflippten Hippie-Zirkusmenschen war es, die mich beeindruckte; es waren auch ihre Erscheinungsformen und Outfits. Dass ich Dreads, Sidecuts, Piercings und Tattoos in allen Formen und Farben über alles liebe, das dürfte kein Geheimnis mehr sein. Doch ich liebe auch all ihre wundersamen Klamotten: die Frauen tragen gern verzottelte, abgerissene und kurze Röckchen, Shorts mit Steampunk-Gürteln, winzige Tops mit asymmetrischen Formen oder Mustern und die Männer tanzen meist oben ohne durch die Menge, tragen wenn überhaupt Tanktops, dafür aber immer Shorts. Alle sind barfuß, haben Fußkettchen, goldenen Schmuck, Ringe, Federn und viele haben riesige Tunnel in den Ohren oder auch Glitzer und Leuchtfarben im Gesicht. Die dominierenden Farben der Steampunk- und Endzeit- Hippieoutfits sind eindeutig braun, olivgrün und knallbunt. Muster und Farben werden kombiniert, die Karl Lagerfeld das Gefühl geben müssen, dass wir die Kontrolle über unser Leben verloren haben. Und wenn schon. Dafür sind wir halbnackt und supersexy!

Die schönsten brasilianischen Hippie-Zwillinge, die ich jemals gesehen habe: Joao und Paulo aus Brasilia. 

Diese wunderschön anzusehenden Menschen tanzen nicht nur, sie beben vor Leben. Am Rande des Dancefloors spielen sie Diabolo, mit Flower- und Feuersticks; sie jonglieren, reden, lachen, bauen Joints, küssen und umarmen sich; sie spielen mit ihren Kindern, fahren auf Fahrrädern umher, parken diese an den hölzernen Fahrradständern und tanzen davon. Sie besprühen sich mit Wasser, essen Pizza und klettern auf dem Baumhaus umher. Sie springen auf dem Trampolin, schaukeln unter Bäumen und flechten sich gegenseitig Zöpfe. Mein Gott, mein Traum der Hippiebewegung von 1968 wird hier noch mehr Wirklichkeit als auf der Fusion 2012!

Liebe, Heilen und Ekstase: auf den Spuren der 1968er

Auch das Angebot an Workshops und Veranstaltungen hat mich stark beeindruckt. Sieben Tage lang gab es von morgens bis abends jegliche Veranstaltungen, die Du Dir vorstellen kannst: Yoga, Meditation, Chakren-Öffnung, Ayurvedisches Heilen, Massagekurse, Hula-Hoop-Kurse, Tibetische-Sandmandala-Kurse, Kunsttherapie und auch singen und energetisches Tanzen. Es wurden Feuerzeremonien, Elementstänze und auch religiöse Tänze für Shiva oder Ganesha abgehalten. Insbesondere der mystische und magische Blutmond; die einmalige Mondfinsternis, die es am Freitagabend gegeben hat. Die Energien in dieser Nacht waren so stark, dass sie fühlbar waren. Menschen waren wild und ungehemmt. Ein Pärchen hatte mitten in der Nacht, als ich bei meinem Heimspaziergang am Seeufer entlanglief, tatsächlich seine Matratze in die Steine getragen und machte laute Liebe hinter einem Busch, groß beleuchtet vom hellen, blutroten Mond, der magisch über uns thronte. Es war so surreal und doch so echt.

Eine der Heilungskurse war ein energetischer Tanz, der Blockaden der Chakren lösen sollte. 

Im Laufe der sieben Tage besuchte ich unter anderem eine Vision Prayer Meditation, die mein Leben nachhaltig und völlig verändert hat. Die Prayer Meditiation wurde von einer portugiesischen Heilerin durchgeführt, die jahrelang in Perus mit Stämmen gewohnt hat und es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen zu heilen. Mit Hilfe einer speziellen Tabakart aus Peru sollten wir uns vorstellen, was wir mit unserem Leben machen wollen und was unsere Lebensaufgabe sein soll. Wir sollten unsere Herzenswünsche ungeschont und unzensiert herauslassen und uns nicht selbst limitieren. Mit dem Tabak in den vor der Brust gefalteten Handflächen sollten wir nun kniend zur Mutter Erde und halb stehend zum Vater Himmel beten, um das Universum dazu zu bringen, unsere Herzenswünsche zu erfüllen. Bereits nach fünf Minuten hörte ich es um mich herum schluchzen und weinen. Nicht nur mein neuer israelischer Freund Sam, mit dem ich jeden Tag verbrachte, weinte hemmungslos wie ein kleiner Junge – nein! Auch ich. Und wie!

Die visionäre Gebetsmeditation war so intensiv, dass es einer spirituellen Offenbarung glich. Ich sah mein zukünftiges Ich ganz deutlich vor mir: mein Leben als Gypsy Princess, die rund um die Welt reist, lebt und arbeitet und nirgendwo länger als zwei Jahre ist. Mir wurde klar, dass das einzige, was mir zu meinem Glück fehlt, mein Gypsy Prince ist. Mir wurde klar, warum mir die Liebe so viel bedeutet und warum ich unbedingt meinen Hippieprinzen finden will, der alternativ lebt und mit mir um die Welt ziehen will, bis wir alt und grau sind. Ich fühlte und realisierte erstmals, dass die Trennung von meinem thai-britischen Exfreund nur so schlimm gewesen war, weil er die erste Person war, die nah genug an den Traum herangekommen war. Es ging nicht nur um ihn, sondern viel mehr um meine Vision, um meinen Herzenswunsch und meine größten Ängste, die damit verbunden sind. Die Offenbarung war heftig. Noch eine halbe Stunde nach der Gebetsmeditation weinte und zitterte ich – vor Freude. Ich hatte mein langjähriges Rätsel endlich gelöst!

Mädchenkram war mir immer suspekt, bis ich den Hula-Hoop-Reifen wiederentdeckte!

Sei verrückt, sei außergewöhnlich, sei Du selbst

Begeistert haben mich auf dem Boom besonders die Menschen und die Art und Weise, wie wir alle friedlich zusammenlebten. Alle Hippies waren rücksichtsvoll im Umgang mit anderen, sich selbst und natürlich auch der Umwelt. Jeder einzelne wurde als Individuum akzeptiert und dafür gefeiert. Nackt in der Schlammgrube plantschen, vor Freude juchzen und schreien, in Heilungszeremonien heftig und laut weinen, total verrückt tanzen oder eben öffentlich ballern – alles, wirklich alles war akzeptiert und toleriert. Das fand ich besonders entspannt, als Sam und ich uns den wunderschönen Veränderungen der Umwelt durch einen einzigen Tropfen Universum hingaben und stundenlang unter einem Baum im Schatten lagen und uns anschauten, wie Spiralen durch den See fuhren und sich die Bäume in der sehr farbintensiven Umgebung wellten.

Die Menschen um uns herum freuten sich, als wir im hundertsten Lachanfall einen schlafenden Ninja Turtle aus den Steinen im Blumenbeet erkannten; sie spielten Gitarre für uns, zeigten uns beeindruckende Kristallkugeln und erzählten uns Geschichten, die einfach in bewusstseinserweiternden Momenten gehört werden wollen; sie hüpften mit uns auf dem Trampolin und sie freuten sich für uns, als wir lachend und juchzend durch die Gegend rannten und unseren Trip auslebten bis zum Sonnenuntergang. Niemand wurde schief angesehen, sondern wahrlich zelebriert. Jeder konnte so sein, wie er oder sie eben ist: im verrückten Xena-Warrior-Outfit, mit Leuchtfarben bemalt, mit Blumen behangen, mit Pluderhosen oder eben einfach ganz nackt.

Die schönste, psychedelische Nachtinstallation am Dance Tempel waren für mich die Quallen.

Besonders das Nacktsein fand ich super. Vielleicht bin ich da ein wenig FKK-Urlaub geschädigt, den meine Eltern gerne – typisch Deutsch – praktizierten, doch empfinde ich es nicht als beschämend, sondern als frei, wenn ich nackt in der Öffentlichkeit bin. Ich liebe meinen Körper und stelle ihn gerne zur Schau. Nacktheit ist nicht sexuell, sondern ganz natürlich – und das haben die Hippies des Boom Festivals gelebt. Ich habe in sieben Tagen selten so viele nackte Menschen gesehen, wie dort. Auf dem Dancefloor. Im See. In den Being Fields. Im Camp. Im Supermarkt. Auf den Wegen. Beim Essen und natürlich auch beim Duschen.

Ich war ebenfalls selten an Orten, an denen so viel Liebe und Energie geflossen ist, wie dort. Die Menschen sind so frei von Stereotypen, von Gender, von Klischees, von Vorurteilen. Es geht nicht um Hass und Macht, sondern um Liebe, Wärme, Geborgenheit und Glückseligkeit. Die Energie der Massen hat mich schier umgehauen und nach sieben Tagen hat mich das Boom Festival mit einem an Liebe überfüllten Herzen sprachlos mit einem riesigen Lächeln im Gesicht zurückgelassen. Ein bisschen auch mit einer Erschöpfungs-Grippe. Aber wahrscheinlich sind das auch nur die letzten negativen Energien und die letzten Dämonen, die durch Heilungszeremonien und Horizonterweiterungen Geist und Körper verlassen haben… Oh Du meine wunderbare Hippiewelt, 2020 sehen wir uns wieder!

Liebevoll und bis ins kleinste Detail gemalt: ein Künstler verkauft seine Werke auf dem Markt. 

Mit Sonnenbrand und Flower Stick einfach nur sein, tanzen und mit Menschen sein: ich war so überglücklich! 

Meine Tipps für ein gelungenes Boom Festival
  • Mach Dein Handy aus und genieße den Moment
  • Erlaube Dir, alles loszulassen und einfach nur zu sein
  • Nimm den Boom Bus, um einen smoothen Start zu haben
  • Sonnencreme ist genauso wichtig wie ein Tuch oder Schal
  • Mach mindestens jeden Tag einen Workshop oder Heilungskurs mit
  • Verbringe unbedingt ein paar Tage in Lissabon, bevor das Festival losgeht
  • Verzichte aufs Kochen und besorge Dir im Vorfeld maximal Snacks und Getränke
  • Sei offen für andere Menschen, setze Dich dazu, stelle Dich vor, schließe Freundschaften
  • Nimm Dir nach dem Festival mindestens 3 Tage frei, um die Veränderungen zu verarbeiten
  • Habe keine Scheu, wild zu sein: wenn Du Lust auf (safer) Sex und (safer) Konsum hast, dann mache es und genieße ohne Hemmungen! Niemand verurteilt Dich, sie freuen sich mit Dir!

 

Warst Du mal auf dem Boom Festival? 

Deine

Jacqui's Original-Signatur.

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