Seit März 2017 lebe ich – völlig ungeplant – in London und über die Zeit habe ich mich nicht nur angepasst, sondern auch vollends eingelebt. Freunde, die mich jetzt treffen, sagen mir manchmal, dass sie mich ein wenig britisch finden und das wohl auch zurecht, denn wer in fremden Ländern wohnt, der wird mitunter irgendwann von der Kultur aufgesaugt. Natürlich habe ich immer noch deutsche Angewohnheiten und Ansichten, denn ich komme eben nicht von hier, jedoch hat mich das Leben in England mehr geprägt, als ich es vermutet hätte. Mittlerweile habe ich mich so an die Eigenarten der britischen Kultur gewöhnt, dass sie mir kaum noch auffallen. Einige Dinge werde ich sogar vermissen, wenn ich ab November wieder weiterreise. Ich kann mir sogar vorstellen, irgendwann noch einmal zurückzukehren, wenn es wieder ans Arbeiten und Sparen vor der nächsten Reiseetappe geht. Doch auch, wenn mir der Brexit einen Strich durch die Rechnung machen könnte, wird Großbritannien immer ein Teil von mir sein. In meiner neuen Frühlingsserie „Leben in Großbritannien“ möchte ich Dir gerne vorstellen, wie es sich anfühlt, im vereinigten Königreich zu leben. Der erste Teil behandelt meine Beobachtungen über die Eigenarten der britischen Kultur. Vielleicht hast Du das ein oder andere ja auch schon bemerkt?!

Die britischen Essgewohnheiten

Wer viel reist, der kennt es: der erste Einkauf im Supermarkt ist überwältigend. Bis auf Obst, Gemüse und einige Global Player Produkte muss sich erst durchgewühlt werden durch die ganzen seltsam anmutenden Angebote im neuen Land, denn die Esskulturen unterscheiden sich von Land zu Land wie Tag und Nacht. Gerade die britische Kultur ist bekannt für deftiges Essen; allen voran für English Breakfast, Roasts mit Yorkshire Puddings und Fish und Chips. Was mir vor allem hängengeblieben ist, sind die Pies: die deftigen Kuchen, welche in der Regel aus Blätterteig gemacht sind und mit einer deftigen Fleischfüllung gefüllt sind. Diese gibt es auch in vegetarischer Variante mit Gemüse, jedoch gefällt mir die fleischfreie Steakvariante der vegetarischen Marke Quorn am besten. Einen fleischfreien Steakpie kann ich inzwischen zu jeder Zeit und überall essen und dieser seltsame Snack wird mir sehr fehlen, wenn ich England verlasse. Auch die Süßigkeiten sind anders: Scones zum Nachmittagstee, Reeses Peanutbuttercups zwischendurch, oder Jelly zum Dessert. Gerade die Jellys sind so beliebt, dass sie in meiner Firma beim inkludierten Mittagessen inzwischen sogar aufgrund hoher Nachfrage vegan zubereitet werden. Und dann gibt es da noch Orangenschokolade, Minzpies und Gebäck, welches meist mit Icing glasiert oder mit Marmelade gefüllt ist. Zwar fehlen mir einige Dinge aus Deutschland, doch bin ich auch vollends in den britischen Essgewohnheiten angekommen – in vegetarischer Variante natürlich.

Super für unterwegs: die vegetarischen Steakpies von Quorn, mein liebster Snack! 

Cider statt Bier: die britischen Pubs

Von der ersten Minute in England an lernte ich die Bedeutung der britischen Pubs kennen. Pubs gehören zur britischen Kultur wie die Brezel nach Bayern und daher erfreuen sich Pubs bei allen Menschen von 18 Jahren an riesiger Beliebtheit. In Großbritannien ist es ganz normal, nach Feierabend noch auf einen Cider oder auf ein Ale in den Pub zu gehen. Happy Hour ist meist schon zwischen 17:00 und 18:00 Uhr, sodass es ziemlich bequem ist, sich nach der Arbeit volllaufen zu lassen und trotzdem noch früh im Bett zu sein. Fast alle Pubs sind sehr urig, dunkel und gemütlich und wirklich zu jeder Tageszeit gerammelt voll. Über die Mittagszeit einen Cider zischen ist genauso normal, wie abends dort zum Rugbyspiel zu erscheinen und die Mannschaften lautstark anzufeuern. Ich fühle mich jedenfalls auch schon pudelwohl und verspüre oft das natürlich britische Bedürfnis, auf einen Drink in einen Pub zu gehen. Leider muss ich hier alle deutschen Bierliebhaber enttäuschen: das Bier ist wirklich nicht lecker und super überteuert. Wer in Pubs geht, sollte sich lieber an die lokalen Trinkgewohnheiten halten: Cider und Ales. Denn schwedischer Berry-Cider geht immer!

Smalltalk ist überlebenswichtig

Für uns Deutsche ist Smalltalk eher unangenehm. Das oftmals als verlogen und gefaked bezeichnete, völlig sinnentleerte Gespräch dient nur dazu, awkwardness zu verhindern, denn in Großbritannien werden viele Dinge als unangenehm empfunden, die wir in Ordnung finden: jemanden nicht zu grüßen, nicht mit dem*der Kassierer*in zu sprechen und einfach mal zu schweigen. Das geht hier jedoch gar nicht. In Großbritannien sprechen alle Menschen überall miteinander, egal, ob sie sich kennen oder nicht. Alle Menschen sollen sich wohl und willkommen fühlen; zumindest oberflächlich gesehen, denn für die Briten*innen ist es sehr peinlich, sich in der Öffentlichkeit unhöflich zu verhalten. Nachdem ich den Smalltalk am Anfang sehr anstrengend fand, weil ich nicht wusste, worüber ich reden sollte, und weil mich weder das Wetter, noch irgendwelche anderen Umstände, noch die wildfremde Person so dermaßen interessierten, dass ich einfach nur genervt und angestrengt von den erzwungenen Gesprächen war, hat sich dieser Punkt in meinem Leben um 180 Grad gedreht. Durch die recht natürlich geschehene Integration in die fremde Kultur bin ich nun die Queen of Smalltalk geworden. Bemerkt habe ich dies jedoch erst, als ich mich in Situationen wiederfand, wo ich aus Eigeninitiative mit Wildfremden quatschte, als gäbe es keinen Morgen mehr. Ich bin inzwischen schon so weit, dass ich es selbst unangenehm finde, wenn Menschen nur Hallo sagen und nicht You’re alright anhängen oder andere Floskeln aus dem Hut zaubern. Smalltalk ist nun ganz wichtig und ein alltäglicher Begleiter, wenn ich Menschen treffe.

Die typisch britischen Pubs haben wiederkehrende Namen: immer geht es um Horses, Cocks, Nags und manchmal auch im Löcher in der Wand. 

Britische Politeness und zwischenmenschliche Kommunikation

Passend zum Thema Smalltalk ist auch die generelle zwischenmenschliche Kommunikation in Großbritannien, welche am ehesten als Britische Politeness bezeichnet werden kann. Die Briten*innen sind stets sehr höflich und anständig im Umgang mit anderen. Es wird immer gegrüßt, immer Smalltalk gehalten, immer gelächelt und vor allem: sich auch immer entschuldigt. Wenn ich aus Versehen jemanden in der U-Bahn anrempele, kann ich zu 100% davon ausgehen, dass sich auch die angerempelte Person entschuldigt, was ich am Anfang ziemlich seltsam fand. Es war mir, als würde sich die Person dafür entschuldigen, im Weg gestanden zu haben, auch, wenn sie gar nicht im Weg stand. Doch nach einiger Zeit bereitete mir dieses ständige Entschuldigen ein Wohlgefühl, denn so werden Negativitäten und Aggressivität gleich im Keim erstickt und das Allgemeingefühl bleibt positiv. Ich entschuldige mich inzwischen auch schon für alles, da dies einfach total normal ist und ich auch nicht anecken möchte. Es kommt mittlerweile einfach so natürlich wie der Smalltalk. Und auch, wenn sich niemand wirklich für den anderen interessiert, trägt die extreme Höflichkeit dazu bei, dass es keine unangenehmen Gefühle gibt, die einem den Tag vermiesen.

Leider gibt es auch Schattenseiten der britischen Politeness, denn viele Briten*innen sind zwar oberflächlich aufgeschlossen, leben jedoch zurückgezogen und zeigen wenig Interesse daran, neue Bekanntschaften als neue Freunde*innen zu integrieren. Alle sind nett, doch wirklich ernsthafte Beziehungen sind sehr schwer zu festigen. Daher sind 99% meiner Freunde auch keine Briten*innen, was ich sehr schade finde. Eine weitere Schattenseite ist, dass die extreme Höflichkeit starke passive Aggression hervorruft. Niemals würde jemand einen anderen schwer beleidigen, doch die passive Aggression äußert sich ebenso heftig wie Schimpfwörter, sodass ich diese manchmal schlimmer finde als einen ehrlichen Streit. Auch ist es schwierig, dass viele Briten*innen durch die zurückhaltende, politisch korrekte und überhöfliche Art sehr große Probleme haben, die Wahrheit auszusprechen und Gefühle zu äußern. Für mich als Deutsche kommt die Wahrheit immer frisch serviert auf dem Butterbrot und ohne Umschreibungen mit; und meine Gefühle trage ich wie mein Herz auf der Zunge: ich zeige sie immer. Hier regiert jedoch das Pokerface, was ich manchmal sehr anstrengend und auch schade finde, denn anstatt von Notlügen und dem Unterdrücken der Gefühle könnte auch einfach mal gesagt werden, was Sache ist, da dies das zwischenmenschliche Leben sehr erleichtert.

Eine Stadt, in der das britische Leben deutlich zu fühlen ist: Leeds in Yorkshire im Frühling 2018.

Öffentliche Verkehrsmittel sind unbeliebt

Als ich nach London kam glaubte ich, die U-Bahnen und Züge würden auch abends und das ganze Wochenende durchfahren wie in Berlin. Denkste! In Großbritannien ist alles anders. Zwar gibt es bis auf in abgelegenen Landregionen gut ausgebaute Öffis, jedoch sind diese bei den Briten*innen eher unbeliebt. In London liegt das daran, dass zum einen die Preise für den öffentlichen Nahverkehr so unverschämt hoch sind, dass Dich das Besitzen eines Nahverkehrstickets zum wohlhabenden Mittelklassemenschen aufsteigen lässt, zum anderen liegt es daran, dass die Öffis abends nicht mehr effizient genug fahren und nachts den Betrieb einstellen. Und das in einer Weltmetropole mit über acht Millionen Einwohnern! Ich hatte zwar immer Glück, dass ich irgendwie nach Hause kam, jedoch bereiten mir die extrem hohen Preise Magenschmerzen. Mein Monatsticket für Zone eins und zwei kostet 132 Pfund im Monat, als ich noch in Zone sechs lebte, waren es sage und schreibe 240 Pfund. Preise, die in Anbetracht der hohen Lebenshaltungskosten wirklich ein Loch in jede Kasse schlagen. Die Preise in anderen Städten sind zwar geringer, jedoch oft noch auf australischem Niveau – also auf einem Preislevel eines Landes, wo mehr als das doppelte verdient wird. Kein Wunder also, dass die Öffis gern vermieden werden. Das beliebteste Transportmittel neben dem eigenen Auto ist daher Uber, denn glücklicherweise ist Uber in Großbritannien nicht verboten. Auch für mich gab es das ein oder andere Mal keine andere Möglichkeit, da ich keine Lust hatte, 45 Minuten auf einen Nachtbus zu warten. Würde Uber eingestellt werden, würden dutzende Menschen wohl nur noch auf das Auto zurückgreifen können, denn die Black Cabs sind unbezahlbar.

Meine Freunde kommen aus der ganzen Welt

Großbritannien war und ist ein klassisches Einwandererland. Zum einen, weil der UK irgendwann einmal gefühlt die halbe Welt besessen hat, zum anderen, weil Englisch die Amtssprache ist und die Aussichten auf gut bezahlte Jobs hoch waren und sind. Bis zum kommenden Brexit war das Einwandern auch aufgrund der Freizügigkeit in der EU sehr einfach. Wie es ab 2019 wird, kann nur vermutet werden, jedoch wird Großbritannien meiner Meinung nach immer ein Einwandererland bleiben. Allein in London leben Menschen aus allen Ländern dieser Erde und sprechen über 300 Sprachen. Dies kann ich anhand meines Freundeskreises bestätigen, denn meine Freunde kommen aus aller Welt: Israel, Schweden, Frankreich, Spanien, dem Kongo, Nigeria, Indien oder auch aus Kolumbien. Ich finde das super! Und die Hauptstadt zeigt auch, dass Multikulti möglich ist: in meinem Kiez in Ost-London wohnen überwiegend Menschen aus Afrika, Südasien und Osteuropa – und es funktioniert wunderbar! Respekt und Akzeptanz sind hier die Schlüsselworte für das friedliche Miteinander der Kulturen, welche hier auch an den Tag gelegt werden. Natürlich ist es nicht immer einfach, da kulturelle Unterschiede Konflikte hervorrufen können, doch wer dafür die Augen und den Geist offenhält, der weiß auch, dass diese Konflikte keine wirklichen sind. Verständnis und Toleranz schaffen eine Atmosphäre, in der sich alle wohlfühlen können. Für mich als Weltreisende gibt es nichts schöneres als eine Welt, in der alle Kulturen wild durcheinandergemixt gemeinsam in Harmonie leben. Denn wir sind alle die gleichen Menschen, egal woher wir kommen!

Black Cabs sind ansehnlich, doch leider viel zu teuer. Uber und die Öffis sind die einzige Lösung!

Britische Klischees, die wirklich stimmen

In jeder Kultur gibt es Klischees, von denen gesagt wird, sie seien unwahr und mit Vorurteilen behaftet. Leider ist es jedoch so, dass an vielen Klischees etwas Wahres dran ist; es ist nur unangenehm, alles auf eine Kultur zu münzen und jeden über einen Kamm zu scheren. Einige Klischees, die wir über Großbritannien haben, sind auch wirklich wahr: zum einen gibt es da das Klischee, dass jeder über die Royal Family spricht und diese so gut kennt wie die tacky Celebs aus dem Fernsehen. Und ich muss sagen: es stimmt wirklich. Dank kostenlosen Zeitungen wie der Metro oder dem Evening Standard weiß ich tatsächlich nun alles über die Royal Family und wer mit wem geht, wann wer heiratet und wann wer ein Kind bekommen hat. Auch kenne ich mich mit den Promis ganz gut aus, denn von Katie Price über Geordie Shore und wirkliche Stars wie Lily Allen oder die Beckhams, bin ich sagenhaft gut informiert. Das gehört hier einfach dazu!

Ein weiteres Klischee ist es, dass die Britinnen immer halbnackt feiern gehen, selbst im Winter. Wer einmal in London aus war, der weiß: auch das ist eine wahre Tatsache. Zum einen liegt das sicher daran, dass die Preise für die Wardrobe hoch sind, zum anderen, dass die meisten Britinnen so besoffen sind, dass sie ihre Jacken eh vergessen würden. Außerdem lässt sich wohl schneller anbandeln, wenn alle halbnackt sind… Doch nicht nur die Frauen gehen ohne Jacke im Sommerkleid bei minus fünf Grad heraus, auch die Männer sind immer im T-Shirt unterwegs. Für mich ist das jedoch gar nichts!

Zu den wahren Klischees gehören auch der überdurchschnittliche Konsum von Schwarztee mit Milch und das Sprechen über Rugby und Cricketgames. Und was soll ich sagen? Das sind keine Klischees, sondern Tatsachen. Denn Black Tea geht immer und irgendwo spricht immer jemand über Sport, sodass ich inzwischen schon gut informiert bin, wann welches Team spielt und dass im Juli ein wichtiges Cricketmatch mit Indien in London ausgetragen wird, was schon seit Monaten ausverkauft ist.

Traumhafte Landschaften wie die Yorkshire Dales gibt es beim Leben in Großbritannien obendrauf!

 

Was findest Du typisch britisch? 

Deine 

Jacqui's Original-Signatur. 

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Hinweis: das Titelbild und das Black Cab – Bild stammen von Pixabay. 

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