Als Vegetarier*in auf Reisen ist oftmals nicht ganz einfach: in vielen Ländern dieser Erde sind Fisch und insbesondere Fleisch Statussymbole und müssen auf jeden Teller. So werden viele wohlhabende Familien dieser Welt nicht auf Fleisch verzichten, wenn sie es sich leisten können. Doch geht es nicht nur um Status; es geht auch darum, dass viele Menschen kein vegetarisches Mindset haben. In Ägypten traf ich oft auf die Vorstellung, dass wenn Fleisch doch verfügbar sei, warum darauf verzichtet werden solle. Ich selbst bin seit zwölfeinhalb Jahren Vegetarierin und gerate auf Reisen oft an meine Grenzen: fast alle Gerichte inkludieren Fleisch oder Fisch und sogar Salate, Reis und andere Beilagen können oft mit Speck oder anderen kleinen Fleischwürfelchen gespickt sein. In zweiten Teil meiner Weltreise habe ich dann neben den üblichen fragenden Blicken der Einheimischen, wenn ich etwas ohne Fleisch oder Fisch bestellen wollte, auch noch eine andere Meinung kennengelernt: einige glaubten, ich sei gegen Fleisch und Fisch allergisch und bekundeten mir ihr Beileid. Wirklich ein interessanter Gedanke! Doch gibt es auch Länder, in denen es sehr einfach ist, Vegetarier*in zu sein: in Südostasien und vor allem in Indien. Warum, das erfährst Du in diesem Artikel!

Vegetarismus als Massenphänomen in Indien

In Indien sind etwa 40% der Bevölkerung Vegetarier*innen, was bei den 1,2 Milliarden Einwohnern etwa 500 Millionen Menschen sind. Selbst die Fleischesser*innen, die Nicht-Vegetarier (non veg) genannt werden, essen mit nur fünf Kilo pro Kopf pro Jahr so wenig Fleisch wie nirgendwo anders auf der Welt. Die indischen Nicht-Vegetarier verzichten hierbei aus Glaubensgründen meist auf Kuhfleisch, da Kühe im Hinduismus als heilig verehrt werden und die Religion es unter anderem verbietet, Tiere zu quälen. Kühe repräsentieren im Hinduismus Stärke und ich habe es oft gesehen, dass Menschen Kühen, die über die Straßen oder Wege spazieren, Platz machen, ihnen Essen bringen oder sie berühren und sich damit segnen; so wie Christen*innen sich in Erinnerung an Jesus bekreuzigen. Seit 2016 ist es in Indien offiziell illegal Kühe zu essen. Nicht-vegetarische Inder*innen essen hauptsächlich Huhn und Lamm, aber kein Schwein. Dieses ist eher unbeliebt, da auch 14% der Einwohner Indiens Muslime*innen sind und eher etwas angeboten wird, was auf alle Einwohner passt.

Auf der indischen Hochzeit in Chennai gab es 2016 alles auf dem Bananenblatt.

Die Trennung zwischen Nicht-Vegetariern und Vegetariern ist so normal, dass Restaurants entweder Non Veg oder Pure Veg sind. Nur ganz selten habe ich erlebt, dass in einem Restaurant vegetarische und nichtvegetarische Speisen zusammen angeboten wurden. Meist gab es in einem solchen Restaurant dann zwei verschiedene Bereiche, wo sogar die Tischgruppen voneinander getrennt waren, was ich persönlich ganz toll fand. Auch große Fastfood-Ketten beugen sich den indischen Essgewohnheiten: in McDonald’s-Filialen kann beispielsweise unter mehreren vegetarischen und nichtvegetarischen Burgern ausgewählt werden, wobei diese ebenfalls getrennt zubereitet und verkauft werden. Kürzlich eröffnete der Fastfood-Gigant eine vollkommen vegetarische Filiale in Amritsar vor dem Goldenen Tempel im Norden des Landes, denn die Sikhs (die Religion, welche den Männern ihre Turbane aufsetzt und auf den Gründer Nanak Dev zurückgeht) erlauben Fleischverzehr vor ihrem heiligen Schrein nicht. Aufgrund dieser Trennung der Ernährung ist es für Vegetarier*innen wirklich sehr einfach, das Tagesessen auszuwählen – sowohl traditionell indisch, als auch westlich.

Scharf und exotisch: die indische Küche

Die Nahrungstabus führen in Indien meist auf den Glauben zurück: neben der Tatsache, dass die Hindus Kühe verehren und kein Lebewesen töten wollen, glauben sie auch an Wiedergeburt. Es ist so also möglich, dass sie selbst als Tier wiedergeboren werden und so auf dem Teller landen könnten, daher verzichten sie auf sämtlichen Verzehr und sämtliche Tierquälerei. Nur sehr selten steht das Wohlergehen der Tiere selbst im Vordergrund, was theoretisch schade ist, doch finde ich es persönlich fast egal, warum jemand Vegetarier*in ist, Hauptsache, jemand ist es. Für mich war die Esskultur in Indien oftmals wie Leben im Paradies, denn einfach in ein Restaurant zu gehen und zu wissen, dass alles von der Karte herauf- und heruntergegessen werden kann, ist für mich wundervoll! Und wer mich kennt der weiß, dass ich nicht nur der totale Indien-Fan bin, sondern auch, dass Indisch meine liebste Weltküche ist.

Auch auf indischen Märkten wie hier in Madurai wird strikt zwischen Veg und Non Veg getrennt.

Die Indische Küche erlangte jedoch erst vor etwa 30 Jahren durch Tourismus und Auswanderung Popularität in der westlichen Welt. Jedem bekannt dürften wohl Currys und Lassis sein, doch inzwischen kennen wir so viel mehr: Paneer-Gerichte, Chutneys, Daals (Linsengerichte), Snacks wie Samosas und natürlich die vielen verschiedenen Brote, von denen das Naan, das Chapati und Papadams am bekanntesten sein dürften. Die indische Küche ist exotisch, salzig, sauer, bitter, süß, würzig und vor allem eines: scharf. So scharf, dass mir bei meinem ersten Besuch in Indien 2013 fast die Tränen gelaufen sind, als ich etwas mit little spicy bestellt hatte. Doch nach sechs Wochen auf dem indischen Subkontinent war ich so an scharfes Essen gewöhnt, dass ich nach meiner Rückkehr nach Berlin Mühe hatte, meine Kartoffeln mit Gemüse aufzuessen, da sie für mich nach nichts schmeckten.

Regionale Unterschiede der indischen Veggieküche

Es gibt einige indische Gerichte, die universell im ganzen Land gegessen werden. Diese sind unter anderem Biryani (würziger Reis mit Gemüse), Dum Aloo (vergleichsweise mildes Kartoffelcurry), Aloo Gobi (Kartoffel-Blumenkohl-Curry, oftmals mit Masala gewürzt) oder Veg Korma (Curry auf Joghurtbasis).

Palak Paneer könnte ich jeden Tag aufs Neue essen!

Der Norden mag Paneer und Brot

Der Norden Indiens ist eher fleischlastig, da dort die meisten Muslime leben. Dennoch finden sich im Norden auch leckere Veggiegerichte, unter anderem eines meiner Lieblingsessen: Palak Paneer. Paneer ist indischer Frischkäse aus Kuhmilch, der seinen Ursprung in Persien hat und unvergleichbar lecker schmeckt. Palak bedeutet Spinat; somit werden pürierter Spinat mit Paneer vermischt und entweder mit Brot oder Reis gegessen. Auch Paneer Butter Masala ist beliebt, wird aber auf Tomatenbasis zubereitet. Des Weiteren wird in Nordindien Chana Masala serviert, welches ganze Kichererbsen in einem Curry aus Tomaten und Zwiebeln sind. Im Norden Indiens wird zu den Hauptgerichten meist Brot serviert, welches in den verschiedensten Variationen daherkommt: Roti ist das normale Fladenbrot aus Weizenmehl, Naan das etwas dickere Fladenbrot aus Sauerteig (welches mit Knoblauch serviert mein Favorit ist!), oder Chapati das dünne Fladenbrot aus Sauerteig. Darüber hinaus gibt es die knusprigen Padadams (Fladenbrot aus Linsenmehl), das deftige Kulcha (Brot mit Sesam und Koriander, wahlweise gefüllt mit Kartoffeln oder anderem Gemüse) oder auch das Bathura, welches frittiertes Fladenbrot ist, was nicht selten gefüllt serviert wird. In Indien erwartet Dich in jedem Falle eine Hülle und Fülle an Brotsorten, die alle unglaublich lecker schmecken!

Im Süden gibt es Reis und noch mehr Spice

In Südindien dominiert vor allem die Schärfe im Essen; außerdem werden Gerichte eher mit Reis anstatt mit Brot serviert. Vegetarier*innen kommen im Süden Indiens mehr auf ihre Kosten, da sich hier mehr Vegetarier*innen verstecken. Bekannte Gerichte sind unter anderem das Masala Dosa (gefüllter Pfannkuchen, oft serviert mit Chutneys und Sambar), Idly und Vada (Reiskuchen und frittierte Donuts), welche oft zum Frühstück gegessen werden; außerdem gibt es Rasam-Suppe, die aus Tamarinde besteht, und den bekannten Joghurtreis. Darüber hinaus werden viele Kokosnüsse verwendet, die als Öl, Sauce oder simpel als Kokoswasser mit in die Gerichte einfließen.

Vegetarische Snacks werden überall am Straßenrand verkauft.

Auch gewöhnliche Snacks sind für Vegetarier*innen oft einfach nur köstlich: es gibt Samosas (mit Kartoffeln und Gemüse gefüllte Teigtaschen), Pakora (frittierte Gemüsebällchen), Bahijis (frittierte Zwiebelbällchen), oder auch Kati Rolls, welche im Grunde genommen die indische Variante des Wraps sind. Darüber hinaus ist vor allem in Bombay ein kleiner Miniburger beliebt, welcher aus zwei dicken Burgerbroten und einem vegetarischen, superscharfen Patty aus Gemüse besteht und einen Cent kostet. Mein Freund aus Bombay bezeichnete diesen Burger als Snack der Armen, da diese sich oft nicht mehr als das leisten können.

Mehr als nur Lassi: indische Getränke

Mein absoluter Favorit unter den indischen Getränken ist eindeutig der Chai: schwarzer Tee mit Milch und Zucker. Diese werden oft in kleinen Bechern überall – wirklich überall – für sechs Cent verkauft. Selbst nachts um Mitternacht am Bahnhof kommt immer jemand vorbei, der eine Thermoskanne auf den Rücken geschnallt hat und Chai verkauft. Daher heißt mein Buch auch „Chai um Mitternacht – ein Reisetagebuch über Momente außerhalb der Zeit“… Abgesehen von Chai erfreut sich der Masala-Tee großer Beliebtheit, denn dies ist mal etwas anderes, wenn es die ganze Zeit nur Chai gibt. Ich bin während meiner Reisen nach Indien oft nur zwischen Chai, Masala-Tee und Wasser gewechselt. Viele meiner indischen Freunde mochten darüber hinaus auch gesalzene Buttermilch, die sie zu jeder Mahlzeit herunterkippten, als sei sie Wasser. Ich mochte diese jedoch nie, da ich keine salzigen Getränke und keine Buttermilch mag. Lassis, die Joghurtgetränke in allerlei Variationen sind daher auch nicht unbedingt mein Favorit – außer, ich kann Bhang-Lassis bestellen, die sich gerade in Goa unter Reisenden großer Beliebtheit erfreuen. Bhang-Lassis sind Lassis mit Marihuana und Gewürzen, die manchmal sogar psychedelische Effekte haben können. Daneben erscheinen die anderen Getränke recht langweilig: Wasser, welches oft Leitungswasser ist (bitte immer Nachfragen, um Magen-Darm-Probleme zu vermeiden!), Zuckerrohrsaft, Zitronenlimonade und die üblichen Softdrinks.

Chai ist mein liebstes indisches Getränk.

Zu süß, um wahr zu sein: indische Desserts

Indische Nachtische zeichnen sich vor allem durch eines aus: sie sind unglaublich süß. So süß, dass ich sie kaum essen kann, obwohl ich von Kuchen über Schokolade und andere Süßspeisen eigentlich alles esse. Ich muss zugeben: ich esse bis auf Reispudding und Kulfi keine indischen Nachtische, sondern greife lieber zum Obst, da es einfach zu süß ist. Doch das Gute ist, dass auch fast alle indischen Desserts vegetarisch sind: Gulab Jamun (frittierte Teigbällchen aus Zuckersirup), Modaks (süße Dumplings) und auch das eben erwähnte Kulfi (eine Art gefrorenes Eis).

Und was ist mit dem Frühstück?

Wenn Du Dich gefragt hast, was in Indien morgens zum Frühstück gegessen wird, dann bist Du am Besten mit einer Mischung aus allem beraten: neben den süßen Speisen Idly mit Sambar und dem Bhatura-Brot (süßes Brot, dass nach dem Backen als Ballon serviert wird) werden morgens auch schon Thalis, Paranthas (mit Kartoffeln gefüllte Brote) Currys und Daal-Gerichte gegessen. Achte bei dem Frühstück darauf, wie viel scharfes Essen Du vertragen kannst, denn mir war zwischendurch immer etwas flau im Magen, weil ich ständig Schärfe zu mir genommen habe.

Mein liebstes Brot neben dem Naan ist das Kulcha.

Weitere Informationen zu indischem Essen

  • Schaue Dir das Restaurant und die Zustände genau an, bevor Du eine Mahlzeit zu Dir nimmst, denn Hygienevorschriften gibt es in Indien so gut wie keine
  • Sei Dir sicher, dass das angebotene Wasser kein Leitungswasser ist, denn europäische Mägen vertragen das Wasser nicht
  • Du kannst Streetfood essen, solange es gut frittiert ist und nicht in der Sonne steht
  • Vorsicht bei gratis Essen in z.B. Gewürzplantagen: dies ist nett gemeint, jedoch steht das Esen oft so lange herum, dass hier Lebensmittelvergiftungen lauern. Ich habe so mein erstes indisches Krankenhaus von Innen gesehen
  • In Südindien wird noch mehr mit der Hand gegessen als im Norden, daher musst Du in manchen Restaurants nach Besteck fragen. Mein Tipp: wasche Dir die rechte Hand und probiere es aus, denn mit der Hand essen ist eine der besten Erfahrungen, die ich in meinem Reiseleben gemacht habe! Einfach gucken, was die anderen machen: matschen und dann wird geschaufelt!
  • Indische Speisekarten sind normalerweise auch auf Englisch übersetzt, abgesehen von einigen Zutaten. In abgelegenen Regionen mit weniger Touristen gibt es oft nur Karten auf Tamil oder Hindi, doch in einem Pure Veg – Restaurant ist das kein Problem: Du kannst blind bestellen und weißt, dass es gut wird
  • In einem Restaurant mit Klimaanlage musst Du mehr bezahlen als ohne
  • Essen in Indien ist spottbillig: mit ein bis zwei Euro kommst Du vollgefressen bis oben in über den ganzen Tag

Wie gefällt Dir die vegetarische Küche Indiens?

Deine

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Hinweis: das Chai- und das Palak-Bild stammen von Pixabay.

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