Seit dem 01. Februar 2020 ist es offiziell: Großbritannien hat die EU verlassen. Für die Jüngeren war das der wohl größte Schock, während die meist älteren Befürworter jubeln. Noch sind die Folgen des Austritts nicht spürbar, doch nach und nach werden sich die Lebensbedingungen ändern und viele Dinge werden nicht mehr so einfach sein. Trotzdem befinden wir uns ja gerade erst in der Übergangsphase des Brexit, wo alles nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Worauf wir als Auswanderer nun achten müssen und was sich jetzt in diesem Jahr wirklich ändert, erfährst Du in diesem Artikel.

Rechte für EU-Bürger in Großbritannien

Bis zum 31. Dezember 2020 wird sich für uns Auswanderer in Großbritannien nicht viel ändern: wir können ganz normal in unseren Jobs weiterarbeiten und nach wie vor den Service der NHS (National Health Insurance) nutzen, Wohnungen anmieten, Häuser kaufen und hätten auch Anspruch auf Rente. Wichtig ist hierbei nur, dass sich alle Auswanderer unter dem „EU Settlement Scheme“ beim Staat registrieren: wer null bis vier Jahre auf der Insel lebt, der kann sich für den „Pre-Settled Status“ registrieren lassen, ab fünf Jahren gibt es den Vermerk „Settled Status“ mit der Option ab dem sechsten Jahr den britischen Pass zu beantragen. Nach Ablauf der Übergangsfrist ist dies allerdings etwas tricky, da Deutschland zwei Staatsangehörigkeiten nur dann erlaubt sind, wenn sich die zwei Länder in der EU befinden. Für alles außerhalb der EU braucht es eine sogenannte „Beibehaltungsbescheinigung“, in der ein Aufsatz geschrieben werden muss, warum zwei Staatsbürgerschaften benötigt werden und wieso Deutschland noch wichtig ist, wenn der Erstwohnsitz im Ausland ist.

Die vermehrt unter Freunden und Bekannten in Deutschland aufkommenden Gerüchte, dass alle Deutschen sofort nach dem Brexit abgeschoben werden, ist blanker Unsinn. Der UK braucht uns Ausländer, um ihre Firmen weiter zu betreiben: ob Putzpersonal und Obstpflücker aus Osteuropa oder die Büromenschen, die ganze Departments in anderen Sprachen betreiben, da die Märkte weit über Großbritannien hinausgehen. Außerdem haben sich alle Auswanderer hier ein neues Leben aufgebaut, in welches Partner, Familien und auch Kinder involviert sind – eine Abschiebung ist daher nicht im Sinne des Landes, da damit ganze Familien zerrissen werden könnten. Wer sich jedoch in Großbritannien an die Regeln hält und seinen Status registrieren lässt, der hat nichts zu befürchten.

Wichtige Tipps für Deine Rechte

Es gibt keinen automatischen Übergang von Pre-Settled zu Settled. Wer fünf Jahre im Land ist, muss sich aktiv selbst um den Settled Status kümmern, um nicht aus dem System zu fallen

Pre-Settlement-Status-Inhaber, die mehr als zwei Jahre das Land verlassen, verlieren ihren Status. Dasselbe gilt für Einwanderer mit dem Settled Status: wer mehr als fünf Jahre nicht in Großbritannien war, dem wird der Status wieder entzogen.

Weitere Informationen findest Du hier:

EU-Settlement-Scheme

Beibehaltungsbescheinigung

Ein- und Ausreisen mit europäischem Pass

Gerade in meiner Firma, wo mehr Ausländer als Briten arbeiten, da wir den europäischen Markt bedienen, herrschte Besorgnis über die Folgen für das Reisen nach Europa und zurück. Da für viele von uns Wochenendtrips in die Heimat und auch in andere Länder stets an der Tagesordnung stehen, waren wir besorgt, dass wir nun bei der Einreise zurück nach Großbritannien plötzlich durch einen Schalter mit Stempel müssten und befragt werden könnten, was wir im UK so treiben. Ich hatte mir vorsorglich schon meine Pre-Settlement-Bescheinigung, eine Arbeitsbescheinigung und einen Beweis des Wohnorts auf mein Handy herübergezogen, doch scheint dies nicht nötig zu sein. Zum einen, weil der Status auf dem Reisepass gespeichert wird, zum anderen, weil es die Übergangsfrist bis zum 31. Dezember 2020 gibt. Bis dahin können wir immer noch mit dem europäischen Führerschein als Ausweisdokument in die EU und zurückreisen, erst ab 2021 brauchen wir dann den Reisepass, wo alle Informationen gespeichert sind.

Europäische Karten und Dokumente

Vom deutsche Pass ist es nicht weit zu anderen europäischen Dokumenten wie etwa zum Führerschein oder der Europäischen Versichertenkarte. Europäische Führerscheine werden weiterhin bis zum 70. Lebensjahr in Großbritannien anerkannt und müssen nicht in eine britische Fahrerlaubnis umgewandelt werden. Die Europäische Krankenversicherungskarte ist aktuell nur bis zum 31. Dezember 2020 gültig, für die Zeit danach gibt es noch keine Regelung.  

Noch unklare Punkte

Unklar ist nach dem Brexit noch, wie die Rentenauszahlungen in der Zukunft gehandhabt werden könnten. Wer jetzt einzahlt und dann irgendwann das Land verlässt – sei es in zwei Jahren oder in 20 – der verliert nach fünf Jahren ohne einen britischen Pass den Settled Status und damit auch alle Rechte, die von NHS über Arbeiten und Hauskauf bis hin zum Rentensystem gehen. Es könnte gut sein, dass alle Rentenzahlungen dann im Alter verloren sind, da Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung ausdrücklich keinen Anspruch und keine Rechte haben. Da mir das zu riskant ist, da ich nicht weiß, ob ich in 20 Jahren noch hier lebe, bin ich aus dem Rentensystem ausgetreten, da dieses sowieso nur freiwillig ist. Ich spare mir denselben monatlichen Betrag selbst zusammen und investiere diesen in ETF-Sparpläne, welche neben Mieteinnahmen meine zweite Bezugsquelle in der Rente sein werden.

Besonders angespannt beobachten wir Auswanderer auch die Situation der Lebensmittelpreise, welche nach der Übergangsfrist ohne geregelte Abkommen in die Höhe schießen könnten. Noch ist es aber so, dass die Preise genau gleich sind wie zuvor und auch nicht einfach wahllos erhöht werden. Die britischen Politiker haben uns versichert, dass sie alles dafür tun werden, dass wir keine hohen Zollgebühren entrichten müssen, welche insbesondere Obst und Gemüse, welches im Schatten der Regenwolken hier nicht wachsen können, teurer machen würde.

Auch ist noch nicht bekannt, wie das aufkommende Problem mit den EU-Roaming-Gebühren gehandhabt wird. Da Großbritannien nicht mehr zur EU gehört, müssten die Roaming-Gebühren wieder anfallen, was wirklich ziemlich schade ist, da dies schlicht und einfach bedeutet, dass eine Internetnutzung nur über Wifi oder über hohe Extrakosten möglich ist. Dann wäre es doch einfacher, später wieder die deutsche Simkarte einzusetzen und zwei Nummern zu haben. Hier wird noch eine Vorkehrung getroffen werden müssen, dessen Ausgang noch unklar ist.

Allgemein gilt es aktuell einfach gelassen an die Sache heranzugehen, denn auch wenn andere uns in Gruppen einteilen wollen, stehen wir Menschen aus 200 Nationen insbesondere in London vereint. Dies hat sogar der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan auf Facebook zur Aufmunterung veröffentlicht.

Deine

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